Das Wort zum MUTwoch (31): … und der Zukunft zugewandt

Nur wenig mehr als ein laufender Meter, höchstens 1,30 m hoch. Rotblonde Strubbelmähne, mit Mega-Schneidezahnlücke und einer halben Million Sommersprossen drumherum.

Das ist Karlchen.

Karlchen donnerte vorigen Freitag ans Schaufenster meiner Wortdrechslerei. Just im Moment, als ich alle Hoffnung fahren ließ.

Ich hieß den Fensterglastrommler, hereinzukommen. Er stapfte zum Schreibtisch, machte auf seinen zerbolzten Fußballtöppen kehrt, stemmte die Hände in die Hüften und fragte keck:  „Biste der Aschenbrenner? Biste! Ich kenne Dein Bild … Meine Mama liest nämlich im ,Oscar‘ von Dir. Ich nicht, ich gehe erst in die 2. Klasse und was Du schreibst, ist doof. “ Ich hörte, staunte, nickte aber demütig und stumm.

„Und ich habe, waste verloren hast … Dein Portemonnaie“, grinste der kleine Satansbraten. Und erlöste mich dadurch aus höchster Not.

Die begann, weil ich nett und hilfreich bin, nicht „Nein“ sagen kann. War unterwegs im Städtchen auf der Jagd nach Nahrungsmitteln. Keine Ahnung warum, aber derzeit habe ich alle Nase lang Hunger …

Jedenfalls war mir nach Süßem und ich wollte bei „Benders“ naschen gehen. Am unteren Ende der Waschgasse kreuzte ich bei meinem Süßmaulstopf-Versuch den Weg einer jungen Frau, unübersehbar stolze Mama von Zwillingen. Sie wollte da die Stiege auch rauf – mit einem Hammer, quasi einem „Hummer“ unter den Kinderkarren. Brutal breit, brutal schwer und brutal unhandlich, wie sich bald herausstellte.

Ihr steinerweichender Blick rührte mein selten nur noch gebrauchtes Vaterherz und ohne groß Worte zu verlieren, machten wir uns daran, in temporärer Zweisamkeit den Pampersbomber die Stufen hochzuwuchten.

Oben sagte ich artig „Adieu“ und sie „Danke“. Ich gierte jetzt förmlich auf die kalorienreiche Sünde, von der ich meinte, dass ich sie mir nun erst recht redlich verdient hätte …

Da riss mich ein Telefonanruf aus meinen süßen Träumen: Eine verbummelte Lieferung eines Bildes per Mail zwang mich, die Pläne zu ändern.

Retour im Büro und nach artiger Versorgung des nachsichtigen Kunden ereilte mich dann beinahe der schnelle Herztod, als ich die Abwesenheit meiner Gerldbörse bemerkte, befiel mich Panik*.
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Ein erster Gedanke war, dass ich sie im nahen Drogeriemarkt beim Kauf der Leckerli für meinen Katzer Louis vergessen haben könnte. Sie wissen vielleicht, das Rotfell und ich – wir haben eine schon sehr enge Bindung. Und nicht nur, weil „Louis“ eigentlich „Ratzinger“ heißen sollte. Aber das ist eine andere Geschichte und hier nicht zielführend …

Jedenfalls war die nette dm-Verkäuferin mit ihrem wunderschönen Dekolleté zwar eine Augenweide, konnte mir so aber nicht weitaus mehr Vermisstes bieten.

Ich trottete also hängenden Kopfes in die Schreibtischlerei, während sich mein Gemüt zunehmend verfinsterte: Nebst kleinerem Barvermögen enthielt nämlich die braune, dicke Brieftasche nahezu alles, was meine Identität ausmacht: Perso und Führerschein, Krankenkassenkarte und Presseausweis, diverse Kredit- und Geldkarten. Auch den länger schon nicht mehr genutzten Bibo-Ausweis, Briefmarkenheftchen, diverse Kaufquittungen, eine Einkaufsliste von vor einigen Wochen etc.

Auch nur die wirklich wesentlichen Bestandteile dieses Sammelsuriums zu ersetzen, würde mich ohne Ende Zeit und Geld kosten. Und obendrein die für den gestrigen Dienstag geplante neuerliche Verfrachtung des ausstudierten Anne-Großkindes zum Zwecke des Verteidigens ihrer Masterarbeit nach Südfrankreich unmöglich machen. Welch Schreckensszenario!

Wäre da nicht das clevere Klugscheißerle Karlchen gewesen, der Aschenbrenners Plastekarten-Universum sah und von der Straße auflas.

Ich schnappte hocherfreut das braune Leder, das er mir triumphierend vor die Nase hielt und kramte aus dem Geldfach einen Finderlohn. Als ich den Zehner – nicht einmal gönnerhaft, sondern mit wirklicher Dankbarkeit! – Karlchen reichte, zog der das Näschen kraus und tönte empört: „Ey, mir stehen 10 Prozent zu. Ich habe nachgezählt. Da sind 150 Euro drin …“

Ertappt, beschämt und zugleich erleichtert packte ich den fehlenden Schein obendrauf und noch einen zweiten Fünfer: Für die Ehrlichkeit. Und dafür, dass ich nun zuversichtlich in die Zukunft schauen kann.

Denn würden alle Schüler so souverän wie schon der Zweitklässler Karl die Prozentrechnung beherrschen, wäre Polen resp. old Germany nicht verloren.

* – Dagegen hätte auch nicht der Türstopper „Panik“ geholfen (Foto). 😛

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