Das Wort zum MUTwoch (29): Glücks-Atlanten

Mein Atlas macht mir Kummer.
Nicht jener, herausgegeben im vorigen Jahrtausend vom Hermann-Haack-Verlag zu Gotha. Meinen Schulatlanten vermute ich wohlverwahrt und gut behütet als Teil des Schatzes meiner Frau Mama, den sie aus Artefakten meiner und der Kinderzeit meiner beiden Geschwister zusammengetragen hat.

Nein. Der Atlas, der mir Kummer macht, ist mein erster Halswirbel. Bei mir wie bei jedem anderen Menschen trägt dieses schädelnächste Teil der Wirbelsäule die Last des gesamten Kopfes. Mein Atlas muckert und deshalb schwindelt mir manchmal.

Mir wird allerdings auch manchmal aus anderem Grund schwindelig: Vor einem Jahr etwa, als mich unvorbereitet und als mediale Breitseite der 2011er “Glücksatlas” traf. Schlug man den nämlich auf, fand sich die bedrückende Botschaft, wonach hierzulande, im Freistaat, die unglücklichsten Deutschen leben würden.

Diese Landmarke der Lustlosigkeit versetzten uns damals mit wissenschaftlicher Akribie, statistischer Finesse und dem Geld der Deutschen Post Prof. Bernd Raffelhüschen, der Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge an der Universität Freiburg, und das Institut für Demoskopie Allensbach.

Aber es geschehen Wunder und Zeichen, weil den Glücklichen keine Stunde schlägt … Oder so.

Jetzt nämlich, im Jahr darauf, rieb ich mir verwundert die Äuglein: Wir Thüringer, so kündet nun der frische “Glücksatlas 2012”, sind nur noch viertunglücklichste Deutsche.

Ob es daran liegt, dass dieses Mal der Chef vom Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid, Klaus Schöppner, mit Professor Raffelhüschen kooperierte? Schöppner ist ein großer Fan von Weimar …

Möglich auch, dass die freistaatliche sozialdemokratische Allzweckwaffe – unser Macht-alles-Machnig, der Wirtschafts-Hans-Dampf-in-allen-Kampagnen-Minister – bei seiner Rückruf-Aktion für Thüringer Nestflüchter einen Volltreffer gelandet hat: Es scheint demnach kein Gerücht zu sein, dass Glücksgöttin Fortuna sich ihrer Thüringer Wurzeln besann – jenen in der Marienglashöhle zu Friedrichroda.

Tja; Glück und Glas …

Doch wirklich glücklich grinsen ließ mich die jüngste Studie, beauftragt vom intel-lektuellsten Männermagazin, wo gibt, dem „Playboy“. Die wartete mit dem verblüffenden Ergebnis auf, dass Thüringer Männer weniger zu Seitensprüngen neigen als die Bewohner anderer Bundesländer. Demnach sei nicht einmal jeder zehnte Thüringer schon einmal fremd gegangen. Dass auch hier das Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid seine Finger im Spiel hatte, sei nur am Rande erwähnt.

Dieses Institut also hat 1.000 Männer in Deutschland nach ihrem Liebesleben befragt. Die interviewten Mannsbilder sollen zwischen 18 und weit über 60 Jahre alt gewesen sein.

Laut Studie sind besonders Männer aus den alten Bundesländern seitensprungstark, vor allem die angeblich so unterkühlten Nordlichter. Im Osten wären hingegen die Sachsen wie die Thüringer geradezu treu wie Gold.

Nur Durchschnitt allerdings Thüringens Männer bei der sexuellen Aktivität; das behaupten sie jedenfalls, was vermutlich eher für ihre Ehrlichkeit steht.

Übrigens – ich bin KEIN Thüringer, sondern gebürtig in Brandenburg, aufgewachsen an der wilden preußisch-sächsischen Grenze in der Lausitz, final sozialisiert in Leipzig, meinem Klein-Paris und nun seit 22 Jahren Gastarbeiter im grünen Herzchen.

Und jetzt dürfen Sie dreimal raten …

 

P.S. am 20.09.: Heidje B. stellte gestern Abend interessante Nachfragen in ihrem Kommentar zum Post. Die reizten zur weiteren Recherche. Die Primärquelle, den gedruckten Juni-„Playboy“, konnte ich vorerst nicht auftreiben. Einzelne witzige Umfrageergebnisse fand ich dennoch:

Online war zu erfahren, dass man die aktuellen Ergebnisse mit denen einer Vorgängerstudie von 1984 (unglaublich!) verglichen habe: Männer hatten 1984 häufiger Sex (62 % mindestens 2 x die Woche, 2012 sind es nur noch 50 %) Dafür waren damals nur 60 % der Befragten mit ihrem Sexualleben zufrieden.
Grund: die sexuelle Aufklärung.
Witzig: 22  % der männlichen Wähler der Partei Die Linke hatten Geschlechtsverkehr mit mehr als 25 Frauen. Die Anhänger der Linken liegen damit weit über dem Durchschnittswert aller Befragten (8 %). Abgeschlagen sind Anhänger der SPD: Hier sind es nur 4 %.
Was die Zahl der Jungfrauen angeht, sind Anhänger der Piratenpartei mit 7 % Prozent einsame Spitzenreiter. Bei keiner anderen Partei lag der Wert bei über 1 %.
30 % der Männer gaben an, einen Treuebruch zu vergeben, unter SPD- und Linke-Wählern waren es sogar 34 %. Am wenigsten versöhnlich zeigten sich Anhänger rechtsextremer Parteien: Hier antworteten 92 %, die Beziehung bei einem Seitensprung der Partnerin sofort zu beenden.

Mittwochs gibt es seit 29. Februar 2012 “Das Wort zum MUTwoch” im thueringen-reporter.

Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im “Oscar am Freitag” in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – “Der Aschenbrenner hat das Wort”; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.

0 Kommentare

  • Heidje (#)
    19.09.2012

    Jede Menge offener Fragen: Wie wirkt Fremdgehen? Korreliert Glück positiv mit Seitensprüngen? Oder negativ? Vorher oder nachher? Welche Rolle spielt die Häufigkeit? Nimmt Glück mit der Zahl der Seitensprünge ab oder zu?

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