Das Wort zum MUTwoch (27): Volltreffer

Rumms.

Jetzt ist es passiert: Ich habe mich verliebt.
Bis über beide Ohren.
Und das in meinem Alter!

Ich dachte, diese hormonelle Achterbahnfahrt bliebe mir erspart. Da stünden Lebenserfahrung wie -weisheit entgegen.

Aber wie das so mit der Liebe ist – die schert sich nicht um solche Logik, die dann doch keine ist und hat. Es ist eben, was es ist.

Wir kennen uns bereits eine ganze Weile. Bisher betrachtete ich schon als gute Freundin. Aber mehr war es auch nicht. Ich schien eigentlich sogar überzeugt, dass wir zwei beiden so gar nicht zueinander passen würden. Selbst, da sich bekanntlich Gegensätze anziehen.

Sie und ich – wir sind eigentlich wie Feuer und Wasser. Der Mundwerker, die Wortschleuder, der Satzdrechsler, der zudem gefühlt ständig im leichten Trab durchs Leben Jagende.

Und nun sie. Die Stille. Ich erlag ihr ohne jede Vorwarnung. Einfach so. Deshalb, weil – in ihrer Gegenwart – plötzlich so alles so anders wurde.

Zugegeben; es dauerte eine Weile, bis mein Hirn verstand, dass die Abwesenheit von Dauerbeschallung und Alltagslärm kein Alarmsignal für einen neuerlichen Hörsturz war. Ein erster hinterließ als Andenken einen fiesen, verrauschten Piepton. Der richtete sich in meinem linken Gehörgang wohnlich ein. Manchmal ist er dezenter Untermieter, kaum wahrnehmbar. An anderen Tagen dreht er am Rad, wird penetrant. Vor allem dann, wenn ich eh schwer im Stress bin (was dies allerdings erklärt …).

Jetzt aber, auf einer Bank oberhalb der Stadt, verpfiff er sich – so mit der Zeit.

Aus Gründen saß ich da oben.
Wollte, musste nachdenken: 2012 ist ein Schaltjahr. Schaltjahre hinterließen schon öfter in meinem Leben nachdrückliche Spuren. Und zudem endet eine weitere besondere Zeitspanne. Mein Leben scheint nämlich bisher in nahezu gleiche „Kuchenstücke“ von fünf bis sieben Jahren Dauer eingeteilt.

Ich saß also da. Hörte belustigt dem Brummeln der bummelnden Hummeln zu, die über die Spätsommerwiese flanierten. Wind raschelte im hohen Gras. Grillen zirpten. Irgendwo in der Himmelsbläue rief ein Greifvogel – ein Falke vielleicht? Ich erinnere mich nicht mehr, obwohl Frau Nözold in ihren Biologiestunden uns die Stimmen der gefiederten Freunde beibrachte. Ein kleines graubraunes Etwas auf vier Füßen wieselte durch den Busch zu meiner Rechten; schaute kurz hoch, verschwand sofort. Mir schien, es schüttelte den Kopf …

Und nur ganz leise, weit entfernt, kündete stetes Rauschen vom rastlosen Fluss des Alltags.

Ich war von mir selbst entzückt. Weil ich auch – anders als sonst – plötzlich keinen Drang verspürte, alle Nase lang mein Dingsbums aus der Tasche zu fingern, mit dem ich Musik höre, navigiere, Mails lese, QR-Codes knacke, Tankstellen mit dem günstigsten Dieselpreis suche, Bilder knipse und Videos drehe, die Kochzeit von Frühstückseier überwache oder mich morgens wecken lasse. Manchmal auch damit telefoniere.

Die Stille hatte sich also zu mir gesellt.
Und mit ihrem Charme, der Schönheit des zweiten Blicks umgarnt.
Wir schauten uns nach einer ganzen Weile tief in die Augen.
Und ich schloss sie in mein Herz, werde mir fortan öfter Zeit für sie nehmen.

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Mittwochs gibt es seit 29. Februar 2012 “Das Wort zum MUTwoch” im thueringen-reporter.

Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im “Oscar am Freitag” in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – “Der Aschenbrenner hat das Wort”; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.

0 Kommentare

  • […] ein paar Wochen schrieb ein geschätzter Kollegen in seinem Blog, er habe sich eine neue Geliebte zugelegt. Eine, die voller Charme, obwohl sie nie etwas sage. Er […]

    • _Der|Aschenbrenner_ (#)
      11.10.2012

      Stille – so scheint mir – ist eher die unheimlichere Schewster der Ruhe. Stille herrscht nach einem Sturm, nach einem Streit, nach einem Unglück.
      Und Goethe spricht sicher nicht ohne Grund von Ruhe …

      Über allen Gipfeln
      Ist Ruh,
      In allen Wipfeln
      Spürest du
      Kaum einen Hauch;
      Die Vögelein schweigen im Walde.
      Warte nur, balde
      Ruhest du auch.

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