Das Wort zum MUTwoch (112): Bier & Bücher

Schon witzig: Heute ist „Welttag des Buches“. Und „Tag des Bieres“.

Dass man bei einem guten Glas Rotwein selbst auch ein weniger gutes Buch ertragen kann, erlebte ich schon öfter. Für „Feuchtgebiete“ von Frau Roche brauchte ich sogar ’ne Menge guten Rotweins. Ihr zur Ehrenrettung sei aber erwähnt: Ich halte das nachfolgende Manuskript „Schoßgebete“ für deutlich besser.

Zum einen geht es dort seltener um Körperflüssigkeiten. Zum anderen musste sich Frau R. deshalb wohl deutlich stärker auf Handfesteres konzentrieren: Ich finde zumindest, dass ihr eine ziemlich exakte Beschreibung der aktuellen Generation 30plus gelang.

Doch zurück zum Bier-Buch-Gedenktag: Den gibt es seit 1995. Da erklärte die UNESCO den 23. April zum weltweiten Feiertag fürs Lesen, für Bücher und die Rechte der Autoren. Auf die Idee dazu kam die UN-Organisation für Kultur und Bildung durch den katalanischen Brauch, Rosen und Bücher am Namenstag des Volksheiligen St. Georg zu verschenken.

Mein „erstes Mal“ mit Büchern fand ein wenig vor meiner Einschulung statt. Nicht, dass ich schon perfekt lesen hätte können. Aber der Bücherschrank einer Nachbarin barg galante Geheimnisse.

Die lebenslustige ältere Dame hatte einen kecken grauen Dutt, unzählige Lachfalten im Gesicht und immer etwas zu Naschen für mich. Vor allem aber machte sie es sich oft und gern in ihrem Ohrensessel gemütlich. Dann hatte sie einen der vielen dicken Schmöker aus der eichernen Schatzkiste auf den Knien. Und war auch nie abgeneigt, mir kleinem Hosenscheißer vorzulesen. Und – so weit ich mich erinnere! – hatte sie dann selten die Märchen der Gebrüder Grimm zur Hand.

Das wiederum sorgte in frühster Schulzeit zu Verwicklungen: Meine Deutschlehrerin Frau Nötzel – im Nachhinein betrachtet und meiner Erinnerung nach! – war sicherlich nicht prüde. Doch als ich irgendwann maulte, die Geschichten in der Fibel seien viel langweiliger als jene im „Decamerone“, da sorgte das für gewisse Differenzen zwischen mir, meiner Frau Mama und meiner Deutschlehrerin.

Bücher begleiten mich mein ganzes Leben. Und ich habe immer noch welche, deren Seiten ich ungezählt oft umblätterte. Weil deren Buchstaben zu Worten, zu Sätzen wurden, die mich auf den Schwingen meiner Fantasie entführten. Bücher waren Pforten zu geheimen Leben: Las ich, schmuggelte ich mich zwischen die Zeilen. War sozusagen literarische Konterbande. Ich hisste lange vor den „Piraten der Karibik“ die Totenkopf-Flagge und gehörte dazu, als „Die Abenteuer des Jan Kuna, genannt Marten“ stattfanden. War der Koch, der unerkannt und ungenannt dem „Sternentagebücher“-Piloten Ion Tychy mit komisch-kosmischen Küchenkönnen das Überleben sicherte und gab den Jacques Paganel, der die „Die Kinder des Kapitän Grant“ auf deren Suche nach dem Vater begleitete und beschützte.

Bücher waren mir nahezu heilig. Keines von mir hatte Eselsohren oder war mit Krakeleien und Kommentaren verziert. Als dürrer Studiosus ließ ich meine letzten Groschen lieber in Antiquariaten als beim Bier in der Studentenkneipe. Deshalb starb ich dann auch mehrere Heldentode, als ich mich bei meinem jüngsten Umzug von einem Teil meiner Bibliothek trennen musste. Nicht alle Druckwerke hielten dem kritischen Blick des Antiquars stand. Das hatte zur Folge, dass ich über Tage, meist am späten Abend, damit mich keiner erkannte, kiloweise Bedrucktes diversen Papiertonne in den Rachen warf.

Das ist fast ein ganzes Jahr her. Und heute, am „Welttag de Lesens“ erinnere ich mich. Immer noch beschämt. Und dennoch voller Dankbarkeit dafür, dass es sie gab und gibt: Bücher.

P.S. Hier findet sich übrigens eine von vielen Listen der 100 am häufigsten gedruckten Bücher der Welt! 33 davon habe ich gelesen … Natürlich auch die Bibel – und selbstverständlich das „Kommunistische Manifest“. 🙂

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