Maetzig, Ulbricht, die Venus und Thälmann

Mein von mir über alle Maßen geschätzter und geliebter Großvater Erich sagte mir einst: „Junge, wenn Dir Haare an Stellen wachsen, an denen Du vorher keine hattest, dann wirste alt …“ Nun; tatsächlich wachsen mir – schon des längeren – Haare an Stellen, über die ich hier und öffentlich nicht spreche. Mit Ausnahme jener Borste, die sich regelmäßig aus meiner linken Augenbraue aufmacht, die Welt zu erkunden …

Eine Welt, in der ich trotz baldigem Eintritt ins sechste Lebensjahrzehnt zwar deshalb nicht mehr als „jung“, aber eben auch noch nicht als „alt“, zumindest „richtig alt“, gelte. Das ist auch gut so.

Wieso ich darauf komme? Weil ich heute Nacht nicht schlafen konnte. Und mir deshalb „Der schweigende Stern“ anschaute.

Und diese cineastische Kostbarkeit dürfte selbst in meiner Generation (Baujahr 1961) nur solchen Sternen-Guckern wie mir noch in Erinnerung sein. Es war der erste utopische Film, wie das Genre damals hieß, den die DEFA 1959 drehte. Vorlage bildete Stanisław Lems erster Roman aus dem Jahr 1951 „Die Astronauten“ (aka „Der Planet des Todes“). Regie führte Kurt Maetzig. Jener Kurt Maetzig, der am 25. Januar 100 Jahre alt wurde.

Günther Simon, der – übrigens auch in Regie von Maetzig – 1954 als „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“ und dann im Jahr darauf als „Führer seiner Klasse“ heroisch war, durfte einen ebenfalls heroischen deutschen Piloten spielen. Es waren eben Zeiten, die neue Helden brauchte.

Der Plot vom „Schweigenden Stern“ ist platt. Die Musik schräg. Die Tricks schlicht. Trotzdem fasziniert der Film – auch wegen seiner Naivität.

Was wohl kaum noch über den am 26. Februar 1960 in den DDR-Kinos angelaufenen Film in Erinnerung sein dürfte: Er kam im September auch in die westdeutschen Kinos und fand gar als „First Spaceship on Venus“ 1962 den Weg über den großen Teich nach Amerika und Japan.

Zu den „Thälmann“-Filmen sei noch angemerkt, dass wir sie in der Schulzeit anschauen durften, anschauen mussten. Kollektive cineastische Geschmacks-Bestimmung. Viel später erst las ich, das Walter Ulbricht höchstselbst am Drehbuch Korrekturen vornahm.

Maetzig ist eine vielschichtige Persönlichkeit: Einerseits gilt er als der Star-Regisseur der Propagandafilme der frühen DDR-Jahre. Andererseits schuf er „Ehe im Schatten“ (1947) – einen der erfolgreichsten deutschen Film dieser Zeit. Der Film basiert auf der Novelle „Es wird schon nicht so schlimm“ von Hans Schweikart. Sie schildert eine wahre Geschichte: Dem beliebten Schauspieler Joachim Gottschalk war während der Nazi-Zeit nahegelegt worden, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen. Deshalb wählte das Paar den gemeinsamen Freitod.

1949 nahm Maetzigs Film „Die Buntkarierten“ als erster ostdeutscher Beitrag am Filmfestival Cannes teil. Dafür bekam er den ersten seiner vier „Nationalpreise der DDR“.

Unveröffentlicht landete 1965 sein Film „Das Kaninchen bin ich“ nach einem Roman von Manfred Bieler im Giftschrank. Maetzig war zwar irritiert, blieb dennoch systemkonform …

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