Ins Hirn gefickt

Was eigentlich haben vor der Erfindung des Internets solche Exibitionisten wie ich getan? Ohne Blog, ohne Facebook, ohne Twitter?

Wäre ich Gaukler geworden, fahrender Sänger, Schauspieler, Hofnarr? Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht, weil das Publikum damals und selbst das vor zwanzig Jahren noch ein ganz anderes war. Das trachtete nämlich schnell mal dem Komödianten nach dem Leben, wenn es ihn gar nicht komisch fand.

Keine Frage: Eine öffentliche Hinrichtung im Mittelalter hatte eine höhere „Einschaltquote“ als jedes „Dschungelcamp“ jemals hatte und jemals haben wird. Im alten Rom strömten Hundertausende ins Colosseum und weideten sich tagelang am Todeskampf von Mensch und Kreatur. Und wir schauen heute dennoch ehrfurchtsvoll auf die Spuren, die diese Kultur uns hinterließ.

Klare Sache: Erstens ging das blutige Schauspiel einer Enthauptung schneller über die Bühne. Das lässt die Reizschwelle schön weit oben. Dauerhaft Dümmliches konsumieren zu müssen, stumpft ab. Kennt jeder Porno-Gucker: Beim ersten Film wird er noch hart …

War das zu derb?

Ich denke nicht. Deshalb nicht, weil ich zunehmend dazu tendiere, die zumeist völlig schauspiel-talentfreien Hengste und auf dauergeil machenden heiligen Huren der Schamlos-Branche ehrlicher zu finden als die alle Camp-Organisatoren, -Moderatoren und -Protagonisten zusammen. Ehrlicher übrigens auch als all jene, die Abend für Abend „Dschungelcamp“ schauen und sich an der vom Drehbuch und der Einschaltquote diktierten Dauer-Demütigung ergötzen.

Ich bin nicht selbstgerecht. Ich dünke mich nicht besser als jene, die sich Dirk Bach reinziehen. Meine Fetische sind aber nicht öffentlich, werden es auch nicht werden. Und: Ich weiß wenigstens, dass mancher sich daran stoßen könnte, weil er sie für pervers hält.

Wir haben noch nicht den Tiefpunkt erreicht. Wir werden ihn auch nicht erreichen. Weil es immer noch ein bisschen peinlicher, ein bisschen frauen-, männer- und menschenfeindlicher gehen wird.

Aber genau deshalb beuge ich mich nicht der Macht der Massen. Deshalb verweigere ich die öffentliche Prostitution für die RTLs & Co. Ich lass‘ mir nicht ins Hirn ficken.

Nicht einmal zum Spaß.

Weil es keiner ist.

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