In Wiehe wird weiter ein Fass (auf-)gemacht

Es gleicht einem Wunder: Christoph Birk ist der erste Thüringer Böttcher-Lehrling seit fast 20 Jahren. Eckhard Schöne nahm ihn unter seine Fittiche. Der Meister machte sich damit selbst ein ganz besonderes Geschenk zum 120-Jahr-Jubiläum seiner Böttcherei in Wiehe (Landkreis Artern).

Christoph sitzt im Büro. Vorm Fenster ein grauer Novembertag. Auf dem Tisch ein abgegriffenes Buch. „Fachkunde für Böttcher“ steht auf dem vergilbten Einband. Erschienen ist es 1953 im Fachbuchverlag Leipzig. Es gehört Schöne, Baujahr 1946. Und es war sein Wegweiser während der Lehrausbildung.

Heute liest es Christoph, Baujahr 1995. Nicht, weil es seines Meisters Buch ist. Sondern, weil es kaum anderes Lehrmaterial gibt. Bis Mitte der 1960er-Jahre hatten die Böttcher in Tribsees, auf halbem Wege von Rostock nach Stralsund, ihre Berufsschule. Dann sah die Planwirtschaft keine „Schwerfässer“ mehr vor – also jene hölzernen für Bier oder Wein. Das beraubte den meist privat betriebenen Firmen die Existenzgrundlage. Fast allen.

Kurt Schöne hingegen, Eckards Vater, wusste sich zu helfen: Die Badezuber, Kübel und sonstigen Behälter für Wirtschaft und Industrie, die seine Geschirr-Böttcherei fertigte, fanden DDR-weit guten Absatz. Außerdem hatte er schon 1951 mit einer Handvoll anderer bauernschlauer Böttcher die „Exportgemeinschaft Schwerfass für das private Handwerk“ gegründet, weshalb man durchaus unabhängiger wirtschaften konnte.

Diese Schlitzohrigkeit verhalf Kurt, ganz elegant solche sozialistischen Untiefen zu umschiffen. Deshalb konnte er dann auch 1981 einen gut gehenden Betrieb an seinen Sohn übergeben.

Und Eckhard stand seinem Erzeuger in keiner Weise nach – nicht einmal in der Schlitzohrigkeit! In den 1980er-Jahren verhieß dann plötzlich der Export von Holzfässern ins NSW – das „nicht-sozialistische Wirtschaftsgebiet“, vulgo: in den Westen – Devisen. Da schlug Schönes große Stunde. Er legte sozusagen den Genossen Planwirtschaftlern „Dauben“-Schrauben an: Nur er konnte nämlich liefern, was u. a. Münchens älteste Brauerei, die Augustiner-Bräu, mit höchstem Wert schätzt. Noch heute übrigens. „Das war mein ökonomischer Hebel …“, reibt er sich Eckhard zufrieden die Hände.

Der hat noch mehr Schnurren aus jenen Jahren auf Lager: Wer wüsste sonst so vergnüglich zu berichten, dass die Böttcher damals zur „Erzeugnisgruppe Holzverpackungen und Särge“ gehörten?

Wie auch immer. Die Wende kam, damit ganz andere Fährnisse. Weshalb 1993 Maik Schröck der vorerst letzte Thüringer Böttcher-Gesellen wurde. Von einer noch zu DDR-Zeiten entstandenen Prüfungskommission examiniert, zu der auch Eckhard Schöne gehörte. Damals glaubte der, letztmalig jemanden die handwerkliche Kunst beigebracht zu haben, wie man ein richtiges Fass (auf-)macht. „Allen Burschen, die danach kamen und Böttcher werden wollten, riet ich ab. Tischler hatten bessere Karten in der Marktwirtschaft. Und außerdem gab es ja keine Möglichkeit der Theorie-Ausbildung.“

In der DDR ging es noch an, dass Meister Schöne in Praxis und Theorie sein Berufswissen weitergab. Auf gut bundesrepublikanisch war das dann aber ein Ding der Unmöglichkeit. Berufsausbildung wurde Ländersache. Eine Ausbildungsordnung hätte sich ja noch zaubern lassen. Wie aber für weniger als eine handvoll Interessenten im Jahr die Berufsschulausbildung organisieren? Selbst die Berufsgruppe „Böttcher“ sollte deshalb verschwinden.

Dazu kam es nicht. Aber es dauerte auch fast zwei Jahrzehnte, bis nun mit Christoph Birk neue Hoffnung keimt. Seit 1. Oktober geht er in Schönes Lehre. Und wird ab Februar 2013 – wie die anderen beiden deutschen Lehrlinge, die Küfer werden wollen – in der Landesberufsschule Pöchlarn in Österreich in zehnwöchigem Blockunterricht in die Theorie unterwiesen. Dort wird nun der Böttchernachwuchs aus allen deutschsprachigen Ländern und Regionen beschult.

Eckard Schöne mag zwar ein begnadeter Handwerker sein und – ganz anders als viele seiner sonstigen Berufskollegen! – ein wunderbarer Erzähler. Aber in all seine Karten lässt er sich dennoch nicht gucken. Daher bleibt auch ein wenig im Dunkel, wie er den Coup mit Österreich landete. Auf alle Fälle hatte er clevere Helfer vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) auf dem beileibe nicht leichten Weg dahin, der gespickt mit juristischen und bürokratischen Fußangeln war. Wenigstens das ließ er durchblicken, während er versonnen sein Pfeifchen schmaucht.

Artikel, geschrieben am 9. November 2012 für die „Deutsche HandwerksZeitung“ im Auftrag der Handwerkskammer Erfurt

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