Klug-Scheißerei (1): Gorbatschow

11. März: Es ist heute genau 25 Jahre her, dass der damals 54 Jahre alte Michail Sergejewitsch Gorbatschow zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion gewählt wurde.

Ich erinnere mich daran, wie wir mit wachsender Begeisterung lasen, was er sagte und schrieb. Sogar die „Prawda“ gehörte deshalb eine Zeitlang zur Lektüre und ich ärgerte mich ein wenig darüber, dass meine Russisch-Kenntnisse eben doch nur „befriedigend“ waren.

Die vierbändige Ausgabe seiner Reden und Aufsätze wurde wie Feingold unterm Ladentisch gehandelt. Das war im Buchland DDR nicht unüblich. Aber dass es Bücher über oder von einem KP-Funktionär betraf, habe ich nur das eine Mal erlebt.

Sonst arrangierte man sich mit der Verkäuferin wegen „Kin ping me“, einer Edition eines chinesischen „Sitten“romans aus dem 16. Jahrhundert, der  als pornografisch galt oder wegen der Mini-Bücher und manchmal auch, um die ersten Bände von Strittmatters „Der Laden“ zu bekommen…

Als 1992 Band 3 seine Trilogie abschloss, musste ich mich auch bemühen, das Buch zu bekommen. Das lag aber daran, dass zu dem Zeitpunkt solche Bücher resp. Autoren eben nicht mehr – oder noch nicht wieder – gefragt waren.

Aber zurück zu Gorbatschow: Keine Frage; auch ich war ihm erlegen. Auch ich sah in ihm (als Atheist!) beinahe so etwas wie einen Erlöser. Schließlich sagte er das, was jene von uns dachten, die hofften, den siechen Sozialismus noch einmal reanimieren zu können. Die glaubten, von der Sowjetunion lernen, würde diesmal tatsächlich heißen, das Siegen zu lernen. Die wünschten, die alten, fehlgeleiteten Aparatschiks hätten ein Einsehen und würden die Fenster weit aufmachen für den erfrischenden Reformwind.

Nichts von alledem trat ein.

Heute denke ich, dass der Mann zu den wohl am meisten überschätzten Politikern der Nachkriegszeit gehört.

Heute weiß ich aber auch, dass er nach dem ehrgeizigen, energischen Beginnen irgendwann nur noch Getriebener war. Einer, den nicht wenige Ereignisse schlicht überraschten.

Gorbatschow quasi vom Sockel zu holen, macht ihn mir aber menschlich(er).

Und deshalb wünsche ich ihm nachträglich alles Gute zum 79. Geburtstag, den er am 2. März beging.

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