Heute vor 35 Jahren …

Am 22. September 1975 war endgültig Schluss. Da kam das finale Verbot für Renft. Ausgangspunkt war die „Rockballade vom kleinen Otto“, einem Song über den Bausoldaten Otto, dessen Republikflucht schief ging …

Renft wurde als „Klaus Renft Combo“ 1958 von Klaus Jentzsch in Leipzig gegründet. „Renft“  war der Geburtsname von Jentzsch‘ Mutter, den er seither als Künstlernamen nutzte. Die Band erwarb sich spätestens ab 1969 – als Gerulf Pannach die Texte schrieb – den Ruf, systemkritisch zu sein. Trotzdem konnte die Band wegen einer kurzen Phase des innenpolitischen Tauwetters zwei Studioalben veröffentlichen. Titel wie „Nach der Schlacht“, „Als ich wie ein Vogel war“ oder „Wer die Rose ehrt“ machten Renft zu einer der bekanntesten Rockgruppen der DDR.

Ich hatte 2005 die Gelegenheit, in Jena bei einem Podiumsgespräch Klaus Renft zu erleben. Damals schrieb ich den folgenden Text fürs „Freie Wort“:

Fettes Säggschen oder: Woran die Stones alles Schuld sind …

Es war einmal …  So fangen nicht nur Märchen an. Also: Es war einmal vor vierzig Jahren. Da kamen ein paar rotzige Burschen, die als „Rolling Stones“ noch rotzigeren Rythm & Blues gaben, nach Westberlin. Spielten in der Waldbühne vor 20.000 ausflippenden Fans gelangweilt sechs Songs. Und verschwanden wieder. Das frustrierte. 2.000 so sehr, dass sie Kleinholz aus den Bänken und dem eigentlich anheimelnden Ort machten. Was weitreichende Folgen hatte: nicht zuletzt die eines Podiumsgespräches in Jenas Szene-Treff „Cafe Wagner“ anno 2005.

„I can’t get no … satisfaction“ – am 11. und 12. Mai 1965 in Los Angeles von den Rolling Stones aufgenommen und seit 5. Juni im Äther. Seither gilt der Song als Hymnus der rebellierenden, unangepassten Jugend schlechthin. In Ost wie West.

Da war sich die illustre Runde mit dem Musikwissenschaftler Michael Rauhut, dem Musikjournalisten Olaf Leitner und den Musikern Andre Herzberg und Klaus Renft schnell einig. Doch war es tatsächlich Fanal der Rebellion?

Im Westen beschränkte man sich zunächst darauf, „das soziologische oder kulturelle Phänomen zu studieren“, erinnerte sich Leitner. Der Augenzeuge des Waldbühnen-Spektakels war mit seiner Band im Vorprogramm der Stones aufgetreten. 1968 ging er zum RIAS als Musikredakteur und hob dort u. a. die legendäre Reihe „Rock over Rias“ aus der Taufe.

Anders gleich nebenan, in der Hauptstadt der DDR. Da kam manchem Kultur- und Parteifunktionär „Die Schlacht in der Waldbühne“, wie BILD am nächsten Tag titelte, zupass.

Sehr sogar. Denn am 17. September geschah Unglaubliches: Eben jenen Artikel druckte das „Neue Deutschland“, Zentralorgan der SED, ab. Wort für Wort, erst- und einmalig in der Geschichte des ND, stand da ein kompletter Artikel aus Springers BILD. Und in Leipzig durfte die LVZ gar davon schreiben, es habe „eine neue Kristallnacht in der Luft“ gelegen.

Was nach „Stürmer“ klinge, sei nur Ausdruck dafür gewesen, „dass die Zeit eines relativ entspannten Umgangs der Staatsmacht mit Rockmusikern und deren Fans“ in der DDR zu Ende gegangen wäre, schätzt Rauhut ein.

Den politischen Schlussstrich zog dann das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED im Dezember. „Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen?“ Worte des damaligen SED-Chefs Walter Ulbrichts (O-Ton unter www.veb-kalender-kombinat.de/fundus.htm): „Ich denke Genossen, mit der Monotonie des ,Jeh, jeh, jeh’, und wie das alles heißt,  sollte man doch Schluss machen.“

Eine klare Botschaft. Und auch deshalb bekam Klaus Renft schon zuvor erneut seine Spielerlaubnis entzogen. „Sie können Ihre Instrumente verkaufen. Das Spielverbot gilt lebenslang“, höhnte der linientreue Leipziger Kulturnik. Wie man weiß, irrte der Mann: „Die DDR gibt es nicht mehr. Uns schon …“, ist der späte Triumph der Musiklegende.

Vordergründig wurde geahndet, dass Renfts Band „The Butlers“ Stones-Titel spielte. Nicht, um wider den politischen Stachel zu löcken. „Das war einfach nur geil“, grinst Renft. Um den besonderen Sound hin zu bekommen, tricksten die Butlers. Was bei den Stones ein Verzerrer leistete, musste ein kleines Kofferradio bringen. „Das haben wir an die Anlage gestöpselt, dann volle Pulle aufgedreht, ein Mikro davor gestellt – das klang dann wirklich verzerrt. Und wie!“

Improvisation a la DDR. Wie bei den Texten. Denn mit dem Englisch war es nicht weit her. Selbst bei Andre Herzberg, der 1981 seine Band „Pankow“ gründete. „Auch wir haben Stones-Songs gecovert. Wir verstanden aber kein Wort. Nur so ungefähr.“ Und deshalb habe es eher nach „Fettes Säggschen“ geklungen, wenn der berühmt-berüchtigte Stones-Hymnus angesagt wurde.

Das Publikum im Cafe Wagner johlt begeistert. Junge sind da, meist Studenten. Die bestaunen das musikalische Quartett auf der Bühne – wie lebende Fossilien. „War echt krass damals, die DDR“, sagt Bert und wiegt bedächtig sein Rasta-Lockenkopf. Er studiert schon eine ganze Weile; „Politikwissenschaften, auch BWL. Und so was …“ Aber von den Zeiten in jenem Land, in denen auch seine „Alten“ aufgewachsen sind, wisse er kaum was.

Die älteren Semester im Rund könnten zur Generation der Eltern von Bert gehören. Viele von ihnen schwelgen schon vorm Start dieser besonderen Zeitreise in Erinnerungen: in abgewetzten Lederjacken, das Jeanshemd leger über der Hose tragend und auf Jesuslatschen herbeigeeilt.

Die Luft ist vom Rauch unzähliger Zigaretten zum Schneiden. Die Anlage brummt und knistert, „stammt wohl noch aus DDR-Zeiten“, grummelt deshalb Rauhut.

Und fährt fort: Zu Herzbergs Zeiten habe sich die ganze Situation aber wieder entschärft. Zuvor durfte Musik der Rolling Stones weder im Radio gesendet, noch von den Bands nachgespielt werden. Erst 1979 endete dieses offizielle Verbot.

Anfang der 80er Jahre brachte dann das staatliche Plattenlabel AMIGA sogar eine Stones-LP in Lizenz heraus. „Dafür durften sie sich die Titel sogar exklusiv zusammenstellen“. Die DDR war eben einmalig. Irgendwie.

Schier unglaublich, aber wahr: Beinahe hätte es sogar 1989 ein Konzert in Ost-Berlin mit ihnen gegeben Honeckers Kürzel stand schon befürwortend unter einem entsprechenden Papier. Doch der Rest ist Geschichte.

Plötzlich ist auch die Runde im Cafe Wagner zu Ende. Klaus Renft signiert die letzten fünf Exemplare seiner Biographie. Andre Herzberg ist schon verschwunden. Leitner und Rauhut schwatzen mit ein paar Sandalen-Trägern. Über die gute, alte Zeit. Tja, es war einmal …

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