„Friedenstaub, -stumm und -blind“

Hab geschlafen unterm Apfelbaum,
und der hing mit Äpfeln voll.
Als ich träumte einen Apfeltraum
in Moll.
Alle Äpfel hatten ein Gesicht,
jedes weinte bitterlich.
Und der Apfelbaum,
der neigte sich zu mir.

„Rüttle, schüttle mich, Fremder,
mein Gewicht ist gar zu schwer.
Träume deinen Traum
unterm Apfelbaum doch hinterher.“

Kam ein Vogel, flog auf einen Ast
und er war die Goldmarie
aus dem Märchen.
„Mein Freund aufgepaßt“,
sprach sie,
„Dieser Baum gehört dem alten Mann,
in dem Häuschen nebenan.

Wenn du kannst,
denn es geht ihm sehr schlimm,
hilf ihm.
Recke, strecke Dich,
ich erwecke dich aus deinem Traum.
Stell dich nicht so an!
Hilf dem alten Mann
und seinem Baum.“

Wachte auf, fast wie ein Trunkenbold.
Stellte fest: nur Fantasie
war der Apfeltraum
und auch die Goldmarie.
Nahm die Äpfel ab, gab sie dem Mann,
der schon sieben lange Jahr,
wie er sagte, nicht in seinem Garten war.

„Sieben Jahre sind manchmal stumm und blind,
mehr als ein Traum.“,
sprach der kranke Mann.
Bot zum Dank mir an – den Apfelbaum.

(Text: Klaus Renft)

Ich hörte heute Renfts Lied. „Sieben Jahre sind manchmal stumm und blind, mehr als ein Traum.“ Stimmt. Sieben Jahre ist es nun schon wieder her. Vor sieben Jahren, am 17. März 2003, stellte die Bush-Administration ein Ultimatum an Saddam Hussein: Entweder er verließe innerhalb von 48 Stunden den Irak. Oder man werde angreifen. Hussein blieb; am 19. März begann der 3. Golfkrieg, der auch als Irak-Krieg in die Bücher einging.

Damals wurde deshalb auch heftig in Deutschland gestritten. Für „Oscar am Freitag“ hatte ich bereits im Januar die folgende Kolumne geschrieben:

Friedenstaube

Stell’ Dir vor, es ist Krieg. Und niemand ist überrascht. Alle Welt redet darüber. Seit Monaten. Als ob’s das Normalste dieser, unserer Welt wäre. Los zu ziehen, um zu töten. Damit Friede herrsche. Verdammt, sind wir denn im Krieg? Schon jetzt?

Stell’ Dir vor, es ist Krieg. Und er wird kommen. Schaut doch alle Welt zu, wie Bush & Blair Mann um Mann an den Golf karren. Schröder fischert dazu in bündnistreuen Hoheitsgewässern nach Ködern. Um die unausweichliche wie uneingeschränkt solidarische Kehrtwende volksverdaulich zu machen. Derweil schrödert Joschka über’s diplomatische Parkett. Ölzweigschwenkend, in Bündnistreu’ und Glauben.

Stell’ Dir vor, es ist Krieg. Und wir sind dabei. Live und in Farbe. Dank CNN¸ ARD und n-tv. Müsste nicht der Wahrheit halber jeder „Frontbericht“ angekündigt werden: „Dieser Krieg wird Ihnen präsentiert nach hochnotpeinlicher Zensur durch das Pentagon.“?

Stell’ Dir vor, es ist Krieg. Und er wird vom ersten Waffengang an mit brutalstmöglichster Macht geführt. Schließlich geht’s ums Ganze, ums Öl. Das gab’s halt in Bosnien nicht. Da wurden nur Menschen gemeuchelt. Deswegen schickt Uncle Sam doch nicht gleich all’ seine Jungs ins Feuer.

Stell’ Dir vor, es ist Krieg. Und eigentlich ist keiner dafür. Die Kreis-PDS kündete jüngst davon, schon gleich am ersten Schlachten-Tag eine Demo zu machen. Und was ist mit uns anderen? Sind wir alle Friedenstaube, -blinde, -stumme?

Stell’ Dir vor, es ist Krieg. Und was sagen wir unseren Kindern? Das wir eh’ nichts tun können? Das „die da oben“ das Sagen haben? So verlieren wir wieder ein bisschen der Unschuld und Glaubwürdigkeit.

Stell’ Dir vor, es ist Krieg. Zwischen zwei Sondermeldungsfanfaren werden wir uns dann schämen. Ein wenig wenigstens. Uns zu Liebe.

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