FreiTagTräume

Das Grauen hat kein Ende. Sie sind wieder unterwegs. Die Inquisitoren. Jene, die hinterher alles vorher schon gewusst haben. Sie lauern überall: Auf Leserpost-Seiten. In Blogs. Bei Talk-Shows sowieso. Aber warum wundere ich mich? Der Jahrestag, er nähert sich wieder. Und wird dieses Jahr wohl noch pompöser vergewaltigt. Der 3. Oktober.

Es war vor 20 Jahren. Tina und ich saßen am Abend in der Obereichsfeldhalle in Leinefelde. Sie, weil sie quasi die rechte Hand von Bürgermeister Gerd Reinhardt war. Das Schweizer Taschenmesser der  Stadtverwaltung: Gleichstellungsbeauftragte, Verantwortliche für Tourismus und Presssprecherin auch. Ich saß da, weil ich der „Thüringer Allgemeinen“ im Eichsfeld zu Diensten war.

Wir zwei schienen irgendwie da nicht ’reinzupassen. Es fiel aber nicht auf, weil Alt und Jung, Mann und Weib heulte. Fast unentwegt. Die einen vor Begeisterung, nun endlich Deutsche sein zu dürfen. Wir zwei mehr, weil wir nicht wussten, wie diese Achterbahnfahrt ausgehen würde.

Nein. Wir sind beide keine Verlierer der Wende oder der Einheit, die keine war. Und noch lange keine sein wird. Aber das ist eigentlich ganz normal. Erst die Annes und Gretas dieser noch allzu oft zweigeteilten, vor allem deutschen Welt schleppen nicht mehr an den biographischen Rucksäcken, die zu schultern, manchmal den Blick nur auf die Fußspitzen zulässt. Unsere Kinder, die kurz vor oder zur Wende geboren sind, die richten’s schon. Auch, weil sich die Schlauen unter ihnen nicht mehr um nationale Beschränktheiten scheren. Europa ist nebenan. Und das andere Ende der Welt zehn Flugstunden nahe.

Die Annes und die Gretas werden sich, falls sie das überhaupt zur Kenntnis nehmen, verwundert die Augen reiben, warum sich ihre Eltern und Großeltern öffentlich ihre Erinnerungen um die Ohren schlagen. Für die einen die an eine heile, für die anderen an eine höllische Heimat. Wenige nur haben beides so stark erlebt, dass sie sich heute noch – und vor allem öffentlich! – daran erinnern. Die Erbitterung, mit der mancher manch anderen bekämpft, verunglimpft, verurteilt und zur Hinrichtung freigibt – zumindest zur virtuellen Exekution – ist erschreckend.

Aber wohl unumgänglich.

Nein, Tina und ich haben die Kurve gekriegt nach dem 9. November 1989. Anders, als manche von denen, die – mutiger als wir – auf die Straße gingen und mit dem „Wir sind das Volk!“ den Rubikon markierten, den dieses Land so nicht mehr überschreiten konnte. Ich erinnere mich an Plakate wie „Aufstehen und widersetzen!“ Ich spüre noch die Anspannung, die in der Luft lag, als an September- und Oktober-Montagen vor 21 Jahren erst ein paar Hundert, dann Tausende, dann unglaublich viele um den Ring in Leipzig zogen. Ich werde auch nicht die Angst vergessen. Nicht nur die, die man in Augen sehen konnte. Auch in denen der jungen Polizisten und Soldaten, die man hinbefohlen hatte, ihren Staat zu schützen. Vor seinen Bewohnern.

Angst kann man auch riechen. Nicht nur Tiere können das. Menschen auch. Angst kriecht wie klebriger  Schleim über die Haut, verkleistert je Pore. Nimmt die Luft zum Atmen. Zwingt einen zu Boden. Ich hatte auch Angst. Undefinierbare Angst meist. Angst vor etwas, was keiner genau bestimmen konnte.

Wir saßen lange Nächte damals im Freundeskreis und machten das, was Intellektuelle immer machen, wenn sich der Wind dreht. Wir debattierten, wer den Wind wohl gemacht habe und warum. Wir orakelten über mögliche Windstärken und darüber, bei welcher welcher der alten Männer im Polit- und jedem anderen Parteibüro vom Winde dann verweht werden würde. Wir deuchten uns zwar nicht klüger als die Straßenstürmer. Aber wir meinten, wir seien schlauer, weil wir die Frage nach dem „Wohin“ der Reise stellten und Tourenpläne entwickelten. Deren Halbwertszeit nahm von Woche zu Woche rasend ab. Nach dem 9. Oktober 1989 verloren wir uns; manchmal aus den Augen, öfter in wirren Szenarien, meist im aufgeregten Durcheinander, das sich vor unseren Augen abspielte und in unseren Köpfen auch.

Halt gaben Tina und mir damals unsere beiden kleinen Mädchen. Weil die jeden Morgen mit einem Lachen aufwachten. Oder weinten. Weil sie essen wollten, und dürsteten. Zähne bekamen. Laufen lernten. Und reden auch. Abends nicht dazu zu bewegen waren, ins Bett zu gehen. Mit uns durch die grünen Oasen Leipzigs (die gab es wirklich! – das ist keine ostalgische Propaganda!) tobten. Eben Kinder waren. Und die fordern einen. Egal, was um sie herum passiert oder was die Eltern meinen, was an Welten Umstürzlerischem passiere.

Das war auch gut so.

Doch schon wenn wir uns mit unseren Freunden unterhalten, denn wir auf den Köpfen herum turnten, weil sie unter uns wohnten, ergeben sich andere Sichten, haben sie andere Erinnerungen. Manche differieren nur in Details. Andere scheinen Kunde von einem anderen Leben zu geben. Und das, obwohl es keine zwölf Monate waren, die diese verrückte Zeit währte.

Was sollen da die sagen, die sich an 20, 30 oder 40 Jahre Leben erinnern?

Eigentlich wäre es so unglaublich, genial, vielschichtig, spannend, traurig, Mut machend, entsetzlich, schön …, würde jeder seine Geschichte erzählen und erzählen können. Ohne, dass ihm jemand ins Wort fiele. Was für ein Buch würden diese Geschichten füllen! Alle wären sie alles andere als die Wahrheit. Weil es DIE Wahrheit eben nicht gibt.

Aber sie wären wohl alle wahrhaftig. Mehr oder minder.

Doch das Grauen hat kein Ende. Weil sie wieder unterwegs sind. Die Inquisitoren. Jene, die hinterher alles vorher schon gewusst haben …

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