Fern-Sehstücke und Nah-Aufnahmen

TABARZ. Bilder von Günter Gehrke sind ab 14. April unterm Dach der „Klinik am Rennsteig“ zu sehen. Der Autodidakt zeigt 25 Bilder aus allen Epochen seines Schaffens. Vor allem seine Landschaftsmalerei machte den Tabarzer, Jahrgang 1937, bekannt. Seine Seh-Räume laden zum Erkennen, Erinnern und dazu, die Seele spazieren gehen zu lassen. Mit einer Vernissage im Dachgarten, den Wolken über Tabarz ein Stückchen näher, wird am Sonnabend ab 10.30 Uhr die Ausstellung eröffnet.

Naturalistisch-expressionistisch – so beschreibt Gehrke seinen Malstil. Zuweilen auch expressiv, das aber eher selten. Nur, wenn etwas seinen Blutdruck und den Adrenalinspiegel steigen ließ. Seine Bilder widerspiegeln seinen bevorzugten Gemütszustand: Er ist kein Weltenverbesserer. War er nie.

Immer schon hatten es ihm Ölfarben angetan: „Die einfachste und beste Methode, zu malen. Das Ergebnis beruht nicht auf Zufälligkeiten, man kann die Farben selbst noch auf der Staffelei so mischen, wie man will.“ Mit Kohle bannt er die Proportionen auf die Leinwand. Dann arbeitet Gehrke großzügig und großflächig mit Öl nach. Immer mehr verfeinernd, wächst das Bild auf und aus dem zweidimensionalen Malgrund. Schicht auf Schicht, auf dem Weg zum Ideal: „Wenn man aber den Moment verpasst, in dem ein Bild fertig ist, kann man es auch tot malen …“

Manchen Tag entstehen zwei Bilder, mancher Monat vergeht, ohne dass Gehrke den Pinsel schwingt. Er muss nicht malen, um zu leben. Der Kunsthändler in ihm ist zufrieden, wenn sich der Maler vom Verkauf des einen oder anderen Werkes neues Material kaufen kann.

Gehrkes Atelier ist die offene Landschaft. Andere archivieren zunächst im Skizzenbuch ihren ersten Eindruck. Er nicht. Gehrke will ungefiltert wiedergeben, was ihn anrührt, inspiriert. Deshalb zieht er auch mit Sack und Pack – Staffelei, Leinwand, Farben, Palette und Pinseln – los.

Das geht derzeit eher nicht, denn das Laufen fällt ihm noch schwer. Folgen einer Knie-OP im Dezember. Deshalb war er auch zu Weihnachten in der „Klinik am Rennsteig“. Dort trafen Dr. Sabine Victor und Otto Böttcher auf ihn. Die Chefärztin und der kaufmännische Direktor hatten schon länger den einheimischen Künstler im Auge. Dem Dachgarten war 2010 die neue Funktion als Ausstellungsort zugekommen. Zuletzt zeigte der Tabarzer Drogerist und Hobby-Fotograf Peter Ditter seine Sicht auf Big Apple, auf New York.

Gehrke ist kein Fließband-Pinselschwinger. Das limitiert die Zahl seiner Werke wie die der Ausstellungen. So fügte es sich erst jetzt, dass Victors und Böttchers Wunsch Wirklichkeit werden konnte. „Deshalb haben wir das gleich dingfest gemacht“, sagt Gehrke.

Günter Gehrke ist geboren im Benz, einem Flecken in Hinterpommern zwischen Kammin und Kolberg, heute polnisch. Er war das sechste von acht Kindern einer Landarbeiterfamilie, „die dem Freiherrn von Flemming dienten“. Die Flucht vor der Front führte sie 1945 nach Mecklenburg, in den Kreis Demmin, wo der Krieg die Familie am Schluss doch noch einholte.

Andere Kinder bekamen Spielzeugautos geschenkt, Günter einen Tuschkasten. Maler zu werden, war sein Traum, „seit ich einen Stift halten konnte“. Wer aber wie er nur  den Abschluss der 8. Klasse hatte, der musste manche „Wege übers Land“ gehen, bis dieser Wunsch sich erfüllte. Zunächst lernte er den Beruf eines Stellmachers. Doch schon 1956 waren auch auf dem Lande keine hölzernen, sondern luftbereifte Räder wieder hoch im Kurs. Günter machte sich nach Neubrandenburg auf, wechselte zum Wohnungsbaukombinat (WBK). Im „Haus der Kultur und Bildung“ (HKB) fand sich Arbeit. Im elften Stock des zugehörigen Hochhauses bekam er ein Atelier, gestaltete Plakate, Prospekte, Programme und Bühnendekorationen. Da das „Haus der Kultur“ kein eigenes Ensemble hatte, bespielten es andere Theater. Vor allem Revue-Bühnenbilder waren es, die Günter Gehrke gestaltete.

Wie das ganze Land, machte sich dann 1959 auch das WBK auf den „Bitterfelder Weg“. Auf dem SED-Parteitag im Jahr zuvor hatte Walter Ulbricht gefordert, dass die Arbeiterklasse der DDR „auch die Höhen der Kultur stürmen und von ihnen Besitz ergreifen“ müsse. „Zirkel schreibender Arbeiter“ entstanden allerorten. „Künstlerisches Volksschaffen“ fand auch in Malzirkeln seine Heimat. Gehrke (Aufnahme von 1966, Foto: privat) gehörte jenem des WBK von 1959 bis 1966 an. Geleitet wurde der ab 1960 vom aus Dresden stammenden Maler Lothar Weber. Der nahm den Parteiauftrag ernst – sozialistischer Realismus ließ dank vieler Auftragswerke die Zirkelkasse klingeln. So bekamen Gehrke & Co. auch manch Studienreise finanziert.

Förderer des Zirkels war Georg Ewald. Neubrandenburgs SED-Bezirkssekretär wurde später DDR-Agrarminister. Am 14. September 1973 verunglückte er auf dem Weg nach Gotha tödlich. Jener Linksknick in der damaligen F 247 heißt seither „Ministerkurve“ …

Zu dem Zeitpunkt war Gehrke schon sieben Jahre Wahl-Thüringer. Wegen Dorothea Albrecht. 1966 sammelte die gebürtige Tabarzerin und Lehrerstudentin pädagogische Erfahrungen in einem Kinderferienlager. Das gehörte dem WBK. Sein Wirtschaftsleiter hieß Günter Gehrke. Die 18-jährige verguckte sich in den norddeutsch-nüchternen, knorrig-kreativen Kerl. Auf den Ringetausch in Tabarz folgte der gemeinsame Umzug ins schöne Schwarzatal. Die Grundschullehrerin bekam in Rohrbach ihre erste Anstellung und Günter einen Job in Antennenwerk Bad Blankenburg.

In die Zeit fällt auch Gehrkes erste eigene Ausstellung in Rudolstadt. Dort absolvierte er 1976 bis 1978 parallel zum Beruf ein Studium im Stadtschloss Ludwigsburg an einer Spezialschule. „Die war eher wie eine klassische bürgerliche Kunstschule“, erinnert er sich. Auch deshalb, weil sie ein Kunstwissenschaftler leitete. „Der lenkte, zwang aber keinem eine bestimme Handschrift auf. So konnte jeder seine eigene entwickeln …“ Vordergründig aber gewährte man das Studium, um künftige Leiter von Laienzirkeln zu bekommen.

1978 wurde eine Lehrerstelle in Dorotheas Heimat frei. Immer schon wollte sie dahin zurück. Deshalb zogen Gehrkes, derweil zweifache Eltern, nach Tabarz. Günter, der bekennende „Holzwurm“, fand in der Tischler-PGH „Inselsberg“ Arbeit.

Zudem Gelegenheit ab 1985 seine Leiter-Qualifikation nachzuweisen. Deshalb gab es die „Montagsmaler“. Keine kecke Kapriole von Gehrke & Co. bei der Namenswahl – auch wenn der Bezug auf die ARD-Sendung gleichen Namens nahelag, die 1974 bis 1996 lief und Frank Elsner bekannt machte. Gehrkes simple Erklärung: „Wir trafen uns tatsächlich immer am Abend des ersten Wochentages.“ Bis 1990.

Dann war Schluss – mit Tischlern und im Zirkel. Gehrke bekam später eine ABM bei Jens Voigt in der Kurverwaltung. Deren erstes touristisches Prospekt wie auch die Figuren der „Märchenwiese“ tragen seine Handschrift. Die Idee dazu kam übrigens 1993 auf der ITB auf, der „Internationalen Tourismusbörse“. „Struwwelpeters“ geistiger Vater Heinrich Hoffmann war begeisterter Sommerfrischler in Tabarz. Naheliegend also, den Ort unterm Inselsberg an die „Deutsche Märchenstraße“ anzuschließen.

Jetzt ist Günter Gehrke im Ruhestand. Sitzt in seiner Stube, freut sich aufs Frühjahr und auf blühende Landschaften. Denn die gab es, gibt es und wird es immer geben. Hier und anderenorts.

(Beitrag steht frei zum honorarfreien Abdruck unter Nennung der Quelle)

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