Endstation Checkpoint Charlie. Eine fiktive Geschichte von Anne Aschenbrenner über Peter Fechter, der im August 1962 an der Mauer starb.

Endstation Checkpoint Charlie – eine fiktive Geschichte

Checkpoint Charlie
Anne Aschenbrenner, Januar 2017. Foto: privat

Endstation Checkpoint Charlie – eine fiktive Geschichte. 2011 verfasst von meiner Tochter Anne, die in Frankreich studierte. Sie musste eine Hausarbeit schreiben. Eine Kurzgeschichte. Inspiriert von den Ereignissen 1961 in Berlin und vom Tod Peter Fechters am 17. August 1962, die sie, Jahrgang 1987, nur vom Erzählen kennt und aus Büchern, Dokumentationen etc. Ich finde sie so gut, dass ich sie hier veröffentliche:

Die Nacht zum 13. Augut 1961

„Kannst Du was erkennen?“ fragt mich Peter ungeduldig. „Nicht viel, es ist noch zu dunkel, aber hören kann ich sie. Ach, das bringt alles nichts, wir sehen es schon morgen früh bei Tageslicht.“ Ich steige von dem wackeligen Hocker, mit dessen Hilfe ich aus dem Fenster und auf das südliche Ende der Friedrichsstraße sehen konnte. Man hatte in der Nachbarschaft gemunkelt, dass es wohl nicht lange dauern würde, bis man eine Mauer durch unsere Stadt zieht … Nun schien der Moment gekommen. Als wir von Heikes Geburtstagsfeier zurück zu mir kamen, war es bereits Sonntag, der 14. August 1961. Mein Freund Peter und ich versuchten herauszufinden, was es mit den zahllosen Volkspolizisten und NVA-Soldaten auf sich hatte, die das Ende unserer Straße blockierten. Aber nur mein winziges Toilettenfenster an der Rückwand gab uns die Möglichkeit, einen Blick zu erhaschen.

„Ich sag’s Dir, die sperren uns ein … wie Ratten … die werden einen willkürlichen Strich durch unsere Stadt ziehen und alles dichtmachen!“ Peter läuft wütend im Zimmer auf und ab. „Und dann auch noch direkt vor Deiner Tür … bald werden die mich nicht mehr bei Dir ‘reinlassen! Das kann doch wohl alles nicht wahr sein!“ Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. Außer, er solle sich keine Sorgen machen, dass wir morgen früh sicher sehen werden, was dieses Chaos zu bedeuten habe.

Was wir dann sehen, übertrifft all unsere Vorstellungen. Urplötzlich sind wir hermetisch vom Westen der Stadt abgeschnitten. Die drei Westsektoren sind durch Panzersperren, spanische Reiter und Stacheldraht abgegrenzt. Überall fangen sie an, die Straßen aufzureißen. Als wir das sehen, wird uns mit einmal klar, was den Älteren unter uns seit der Teilung Deutschlands in die vier Machtbereiche bereits Angst machte: Nun ist Berlin, ist Deutschland endgültig geteilt.

„Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich habe gerade mit einem von den Polizisten geredet. Weder rein noch raus. Der Grenzübergang da drüben, „Checkpoint Charlie“ oder so, der ist nur für Alliierte und Ausländer. Meine Tante Claudia wohnt drüben, am anderen Ende der Mauerstraße. Und jetzt darf ich da nicht mehr hin? Was soll denn das? Und mein Nachbar Helmut, der drüben in der Bäckerei in der Zimmerstraße arbeitet, der darf jetzt nicht mal auf Arbeit, obwohl er die Fenster der Bäckerei von hier einschmeißen könnte. Das ist doch lächerlich!“ Peter wird mit jedem Wort lauter und sein Gesicht bekommt die typischen roten Pusteln, die ich eigentlich ganz niedlich finde. Jetzt aber machen sie mir Angst. Ich habe Angst, dass er etwas Dummes tut oder sagt. Peter ist, seit ich ihn kenne, aufbrausend. Er kann sich nicht damit abfinden, dass seine Heimatstadt nun geteilt ist. Die Stadt, in der er geboren wurde. In der seine Eltern einst von einem Ende zum anderen spazieren konnten. „Sein“ Berlin. Endgültig. Von einem Tag auf den anderen. Wir hörten später, dass es nun nur noch sieben Grenzübergänge gab … „Grenzübergang“ – was für ein seltsames Wort, denkt man darüber nach. Wir sind doch eine Stadt, ein Land? „Es heißt doch Deutschland und nicht Deutschländer“, ereifert sich Peter immer … Wie das Ganze mir Angst macht, so bringt es ihn in Rage.

25. Oktober 1961

Wieder stehe ich an meinem Badfenster, auf dem wackeligen Hocker. Ich habe Peter gesagt, er solle zu Hause bleiben. Etwas Beunruhigendes schien bevorzustehen. Auf der Westseite sehe ich etliche amerikanische Panzer. Sie sind unglaublich nah gekommen, bis zur Demarkationslinie. Keine Ahnung, warum. Gab es eine politische Auseinandersetzung? Bricht Krieg aus? Hier vor meiner Tür? Ich traue mir nicht einmal, das Licht anzuschalten. Von unserer Seite kommen jetzt die sowjetischen Panzer. Mit laufendem Motor stehen sie sich gegenüber … Kampfbereit. Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Sollte ich weglaufen? So weit wie möglich, falls sie wirklich anfangen zu schießen?! Habe ich überhaupt genug Essen im Haus, falls ich die nächsten Tage nicht mehr ‘raus kann?! Aber ich bin starr vor Angst. Ich kann mich von diesem kleinen Fenster nicht wegbewegen. Diese verfluchte Mauer ist jetzt seit zwei Monaten vor meiner Haustür. Das war schon schlimm genug. Aber – naiv wie ich bin – ich habe nie wirklich geglaubt, dass deshalb Krieg ausbrechen könnte. Nicht hier. Nicht schon wieder. Jetzt sehe ich dieses furchteinflößende Panzeraufgebot nur einen Steinwurf entfernt. Mir wird bewusst, wie groß die Gefahr ist.

28. Oktober 1961

„Sie ziehen ab!“ Meine Nachbarin, Frau Unger, klopft an meine Tür. „Sie ziehen ab, sie ziehen ab“!, ist sie ganz frenetisch. Ich öffne die Tür und im selben Moment fällt sie mir in die Arme. „Mein Mann hat mit einem Polizisten gesprochen. Beide Seiten haben offensichtlich eingelenkt. Die Panzer ziehen sich zurück! Der Polizist meinte sogar, dass der Grenzübergang bald wieder offen sein wird. Ich meine für die, die dürfen.“ Sie lacht kurz auf. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Das glückliche Gesicht von Frau Unger dazu, diese unglaubliche Erleichterung, die sich da widerspiegelt. Diesen Gesichtsausdruck werde ich wohl nie vergessen. Drei Tage lang haben wir gezittert. Alle. Uns nicht heraus getraut. Ich hatte nicht genügend Vorräte, aber im Haus halfen wir uns aus. Frau Unger hat jeden Abend Stullen für alle gemacht. Ihr gehört ein Lebensmittelladen, zwei Straßen weiter. Ihr Mann war im Krieg, deshalb legt er immer Unmengen von Vorräten an. Hoffentlich geht jetzt alles wieder seinen gewohnten Gang. Hoffentlich ist der ganze Spuk jetzt vorbei.

16. August 1962

„Ein Jahr! Ein verdammtes Jahr sind wir jetzt eingesperrt und das stört Dich nicht?“ Ich schüttele den Kopf. „Natürlich stört es mich Peter. Aber was soll ich tun? Das ist nicht unsere Entscheidung. Nicht mal die der beiden deutschen Regierungen. Wenn Russland und Amerika nicht wollen, dass Deutschland wieder eins wird, dann bleibt die Mauer. Was willst Du denn dagegen unternehmen? Das sind Weltmächte!? Weder das ZK noch die Westregierung und schon gar nicht Du oder ich haben da den geringsten Einfluss. Ich verstehe, dass Dich das verrückt macht. Du kennst mich, ich ertrage es auch nur schwer, aber Du musst der Realität ins Auge sehen: Es ist so, wie es ist. Und wir müssen das Beste daraus machen!“ Peter schaubt vor Wut.

„Ich verstehe Dich, Julia.“ Ich drehe mich zu Helmut um, der bisher noch keinen Ton von sich gab: „Aber, zum Teufel!, ich lasse mich genauso wenig wie Peter wie Laborratten einsperren. Meine ganze Familie ist drüben. Meine Freundin ist drüben und mein Arbeitsplatz war drüben. Was soll ich hier?“ Helmut, im Gegensatz zu Peter, spricht ernst, mit Bedacht und ruhig. „Man kann doch nicht ein Volk trennen, einfach so. Ich verstehe ja, dass sie Angst haben, dass wir wieder ein mächtiger Staat werden, und dass wir wieder Fehler begehen, so wie unsere Großeltern und Eltern. Aber das ist doch noch lange kein Grund, willkürlich eine Stadt zu spalten und dann niemanden mehr rein oder raus zu lassen.“ Ich habe das Gefühl, eine Sache gegen die beiden zu verteidigen, für die ich eigentlich nicht bin. Aber warum wollen die beiden es denn nur nicht einsehen, dass man nichts dagegen tun kann?! Ich merke, wie meine Stimme immer unsicherer wird: „Ihr braucht mich doch nicht davon zu überzeugen, dass es eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit ist. Aber es bringt doch nichts, sich aufzuregen. Wir müssen uns damit abfinden. Uns bleibt einfach nichts anderes übrig.“ Resigniert drehe ich mich zu Peter. Ich suche seinen Blick, um zu sehen, ob er endlich loslässt von dieser Wut und Rebellion, die mir solche Sorgen macht. Doch seine Augen funkeln: „Das werden wir noch sehen, ob uns nichts anderes übrig bleibt.“

Er steht auf. Helmut folgt ihm.

Ich sehe den beiden nach, als sie meine Wohnung verlassen, und habe ein furchtbares Gefühl im Magen. Was meint er damit? Gott, ich kann nur hoffen, dass er nichts Dummes anstellt.

17. August 1962, 12 Uhr

Peter sitzt am Tisch, ohne seinen Teller angerührt zu haben. „Was ist, Du kannst ja kaum still sitzen?!“ Aber er sieht mich nicht einmal an. „Nichts. Mach‘ Dir keine Sorgen! Ich … ich muss jetzt wirklich los … Helmut wartet auf mich.“ Mit einem Ruck steht er auf. „Aber Du hast nicht einen Bissen angerührt!,“ versuche ich einzuwenden. „Ich habe keinen Hunger, entschuldige bitte. Julia, ich muss jetzt wirklich los. Aber bitte, bitte versprich mir, dass Du heute zu Hause bleibst. So, wie Du es gesagt hast.“ Sein Blick ist durchdringend und sehr ernst. „Ich verspreche es, ich muss eh noch ein Buch für die Uni fertig lesen. Aber was ist nur mit Dir los? Du machst mir Angst, Peter!“ Er kommt einen Schritt näher. Sein Blick scheint nun noch finsterer. „Julia, was auch immer passiert, verlasse Deine Wohnung nicht. Ich melde mich, sobald ich kann. Mein Meister hat mir drei Tage frei gegen, ich werde mit Helmut weggehen. Ich kann Dir nicht mehr sagen, aber mach Dir keine Sorgen. Ich melde mich!“ Eine brennende Hitze überkommt mich. Ich spüre, wir mein Puls immer schneller wird und mein Kopf anfängt zu glühen: „Was hast Du vor? Was zum Henker haben Helmut und Du vor?“ Er zieht mich in seine Arme, drückt mich so fest, dass ich kaum Luft bekomme, und küsst mich auf die Stirn. Ohne mir noch einmal in die Augen zu sehen, dreht er sich um und läuft zur Tür. „Pass auf Dich auf Julia … Pass auf Dich auf.“

Mit einem Knall fällt die Tür hinter ihm zu.

Ich stehe, wie vom Donner gerührt, ohne zu wissen, was das alles zu bedeuten hat. Alles, was ich weiß, ist, dass es nichts Gutes sein konnte. Mein Puls rast. Dieses ungute Gefühl, das mich schon am Vortag überkam, ist wieder da. Lässt mich nicht mehr los. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ihm folgen? Seiner Bitte nachkommen und zu Hause bleiben? „Julia, ganz ruhig, Du kennst ihn schon so lange, er ist 18, was kann er schon anstellen … im schlimmsten Fall schmeißt er Eier auf Polizisten oder er versucht mal wieder, an amerikanische Musik heranzukommen. Was soll er denn schon groß machen?“ Ich atme tief durch. Genau, was kann denn schon groß passieren?!?

Zwei Stunden später. Ich habe mich gerade beruhigt und an mein Buch gesetzt. Goethes „Faust“. Mein Literaturprofessor macht es uns „Erstis“ leicht für den Semesteranfang. „Faust“ haben wir schon fürs Abi durchgekaut. Ich muss nur noch einmal drüberfliegen, um mich an die Details zu erinnern. Ich habe alle Türen und Fenster aufgemacht. Es ist so unheimlich stickig und warm heute. Der Spätsommer meint es gut mit uns. Aber in meiner kleinen Wohnung heißt das eben auch schwitzen. Als ich gerade eine Seite fertig gelesen habe, höre ich Schreie von der Straße. Ich versuche zu verstehe, was geschrien wird. Kann aber nichts Genaues hören. Laufe deshalb ich ins Bad, um am Fenster zu lauschen. Kaum ein Fuß im Badezimmer, verstehe ich endlich, was geschrien wird. „Halt! Stehen bleiben!“ und wieder: „Halt! Stehen bleiben!“

Was soll das heißen? So schnell ich kann, ziehe ich den Hocker ans Fenster. Aber aufgeregt, wie ich bin, rutsche ich ab, der Hocker kippt um und ich schlage mir das Handgelenk am Regal an, plumpse wie ein nasser Sack auf den Boden. „Scheiße“, murmele ich. Reibe die schmerzende Hand, immer noch auf den kalten Fliesen sitzend. Plötzlich – ein lauter Knall. Draußen. Und dann … nichts. Stille. Ich halte inne. War das … ein Schuss?

Ich stelle den Hocker auf und mich darauf. Ich sehe Uniformierte in Ost und West mit gezogenen Pistolen. Alle in eine Richtung gedreht … Richtung Zimmerstraße. Ich erkenne auf der Westseite einen jungen Mann, der auf die Polizisten zurennt. Moment, die Jacke kenne ich doch … Was zum … „Helmut!“ Und plötzlich wird alles still um mich.

„… und mein Nachbar Helmut, der drüben in der Bäckerei in der Zimmerstraße arbeitet, der darf jetzt nicht mal auf Arbeit …“ Peters Worte hallen in meinem Kopf. „Nein … nein …“ murmele ich, lehne mich aus dem Fenster, um besser zu sehen. Genau an der Grenze, zwischen den Uniformierten, sehe ich einen Haufen Kleidung liegen. Nein, kein Haufen. Es ist ein Mensch. Er bewegt sich. Dann sehe ich eine Hand, die sich hebt … Und dann … Ein Schrei. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter. Peter! „Nein, nein, nein, nein.“ Ich springe vom Hocker und renne zur Tür. „Nein. Nein. Nein.“ Ich nehme drei Stufen auf einmal, falle beinahe der Länge nach hin. Ich kann mich am Geländer gerade noch so halten. Mein Herz schlägt so stark, dass es wehtut. Ich kann kaum atmen. Immer wieder sage ich mir: „Das ist nicht wahr! Das ist ein schlechter Traum. Gleich wachst du in deinem Bett auf, schweißgebadet und alles war nur ein schlechter Traum. Wach auf! Wach doch auf!“

Der Schmerz in meinem Handgelenk überzeugt mich schließlich, dass ich nicht träume. Ich kann mich kaum aufrecht halten, alles dreht sich und meine Knie zittern wie verrückt … Ich zwinge mich weiter. Auf der Straße sehe ich die Polizisten und die Passanten. Alle starr. Keiner bewegt sich. Alle Augen sind auf das gerichtet, was ich eben für einen Haufen Kleidung hielt. Alle starren auf … Peter. Ich laufe in Richtung Checkpoint … Die schwüle Luft macht es mir noch schwerer, zu atmen. Ich sehe die Polizisten, die sich zu mir drehen. Aber ich höre sie nicht. Ich höre nichts mehr, außer dem Rauschen meines Blutes in den Ohren. Zwei Uniformierte kommen auf mich zu. Es ist mir egal. Ich renne weiter. Sie stellen sich mir in den Weg und halten mich zurück. Erst jetzt höre ich wieder etwas: „Fräulein, bleiben sie hier. Sie können nicht näher ran!“ Dann höre ich noch etwas anderes … wieder einen Schrei. Peter! „Nein, nein, lassen Sie mich los!!! Mein Freund, das ist mein Freund!“ Die Polizisten sehen sich an und der ältere der beiden nimmt meine beiden Arme in einen festen Griff, sein Gesicht ist jetzt ganz nah vor dem meinen. „Fräulein … Fräulein!“ Er schüttelt mich und zwingt mich, ihn anzusehen. „Ihr Freund hat etwas sehr, sehr Dummes gemacht. Sie können nichts mehr für ihn tun!“ Ich spüre heiße Tränen über meine Wangen laufen. „Nein, nein! Er lebt doch noch! Holen sie ihn da raus! Bringen Sie ihn in ein Krankenhaus! Er lebt doch noch! Hören Sie ihn denn nicht um Hilfe rufen?!“ Ich schreie den Polizisten an. „Holen Sie ihn da raus!!!“ Meine Stimme versagt. Der Polizist sieht mir nicht mehr in die Augen. „Das können wir nicht. Er liegt im Todesstreifen. Wir dürfen da nicht rein, ohne dass wir den Befehl bekommen.“ Jetzt bin ich es, die den Polizisten schüttelt, bis er mich ansieht. „Dann rufen Sie denjenigen an der den Befehl geben kann. Oder auch nicht, was auch immer. Aber Sie können doch nicht einfach hier rumstehen und einen 18-Jährigen Jungen verbluten lassen!!!!“ Wieder ein Schrei. Diesmal leiser. Auch der Polizist wird bleich. „Er hätte einfach nicht abhauen sollen“, murmelt der jüngere Polizist: „Halt die Klappe, Karl.“ Der ältere Polizist dreht sich wieder zu mir. „Fräulein …“ Ich kann es einfach nicht glauben. „Ein unbewaffneter Junge versucht über die Grenze zu kommen, sie schießen ihn in den Rücken und es ist SEINE Schuld???“ Der ältere Polizist hält mich zurück. Jetzt sieht er mir in die Augen: „Es tut mir leid.“ Ich reiße mich los. „Nein!“ Ich versuche, auf der anderen Seite der Grenze etwas zu sehen. Ich sehe Helmut, der ebenfalls auf Polizisten einredet. „Helft ihm! So helft ihm doch … bitte!!!“, schreie ich aus Leibeskräften, in der Hoffnung, dass wenigstens die Grenzer auf der Westseite etwas unternehmen. Aber niemand bewegt sich. Jede Sekunde scheint wie eine Ewigkeit. Ich sehe im Grenzerhäuschen vom Checkpoint Charlie Polizisten hektisch herumlaufen und am Telefon hantieren. Es brennt mir auf den Nägeln, aber die zwei Polizisten weichen nicht von meiner Seite. Der ältere hält meinen Arm immer noch fest im Griff. Immer wieder bettele ich ihn, an Peter zu helfen. Doch er reagiert nicht mehr. Bei jedem Laut, den Peter von sich gibt, zieht sich mein Magen zusammen. Ich habe das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Immer wieder bettele und schreie und weine ich. Aber niemand bewegt sich. Es scheint, als wäre ich in einer grausamen Zeitlupe gefangen. Erst nach Stunden, so kommt es mir zumindest vor, fährt ein Wagen vor und ein Offizier oder ein General oder was weiß ich, steigt aus. Erst er schickt jemanden zu Peter. Aber Peter hat schon lange aufgehört zu schreien. Schon viel zu lange ist er verstummt. Ich sehe, wie die Erste-Hilfe-Maßnahmen sinnlos erscheinen, an einem Körper, der schon so lange inmitten dieser beiden Armeen, inmitten dieser beiden Staaten, die früher einmal zusammengehörten, liegt. Niemand hat sich gerührt. Niemand hat ihm geholfen. Sie haben ihn verbluten lassen. Einen 18-Jährigen Jungen, den es wahnsinnig machte, in seinem eigenen Land eingesperrt zu sein. Weder auf Ost- noch auf Westseite hatte jemand den Mut und die Menschlichkeit, das Protokoll beiseitezulassen, um einem Jungen, einem Sohn, einem Bruder, einem Freund das Leben zu retten. Auf beiden Seiten der Mauer stehen Menschen … Sie schreien „Mörder, Mörder!“

Ich schreie nicht.

Ich kann nicht mehr schreien.

Ich bin verstummt.

Wie Peter.

Epilog

28 Jahre später. Es ist ein grauer Novembertag. Spät am Abend sitze ich in der Stube vor dem Fernseher. Eine Sendung läuft. Eine Pressekonferenz. Mit dem ZK-Sekretär Schabowski. Der zieht einen Zettel aus der Jacke. Liest vor. „… ohne besonderen Anlass“ wäre „ab sofort“ das Reisen erlaubt. Ich traue meinen Ohren nicht. Ich traue auch meinen Augen nicht, als ich Stunden später sehe, wie sich Menschen weinend in den Armen liegen. Menschen aus Ost- und aus Westberlin. Die Mauer ist weg. Peter, kannst Du Dir das vorstellen? Die Mauer ist weg. Ein einziger kleiner Zettel hat dafür gereicht …

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