„… Du bist doch krank!“

Ich mag Tim Mälzer. Was und wie er es kocht. Das nicht erst seit jenem 14. Dezember 2007, als ich ihn in der Erfurter Messehalle erlebte. Seiner Faszination erlegen, habe ich einen beinahe euphorisch zu nennenden Beitrag verfasst, den „Freies Wort“ veröffentlichte und den ich hier noch einmal online stelle, weil darauf zurück zu kommen sein wird:

Ein wenig an Kindergeburtstag erinnert die Stimmung in der Messehalle Erfurt, wenn auch Tröten, Papp-Krönchen und Luftschlangen fehlen und statt einem Dutzend hippeliger Wänster etwas mehr als 2.000 Menschen jedes Alters die Party stürmen möchten. Vor allem wollen sie selbst beschenkt werden: Von ihm. Dem einzig wahren Koch-Künstler, dem Essens-Entertainer und Food-Fabulierer. Von Tim Mälzer, der Hof hält auf seiner „Ham’se noch Hack“-Tour.

Draußen, im Ambiente eines glas-stahl-kalten, hypermodernen Mitropa-Restaurants, wird vor der Küchenparty noch schnell Futter eingeworfen – belegte Baguette, Wienerchen, Brezeln. Bier und Wein spülen’s rein. Dann wallfahrt man vor die WG-Küche, die Mälzers Mannschaft auf der Bühne für das Happening aufgebaut hat.

Kurz vor ultimo hirscht Harry Hurtig durchs Vestibül und lauert ahnungslosen Show-Gästen auf. Live-Übertragungen auf eine Riesenleinwand im Saal sorgen dort für Brüller am laufenden Band, wenn die Überraschten das Mikro von Mälzers rasendem Reporter Nils Holz unter die Nase und die Kamera vors Gesicht gehalten bekommen. Nils ist nicht gerade ein Feingeist („Na; Sie sehen aber nicht gerade lecker aus!“) – doch der Zweck heiligt die Mittel. Das Publikum drinnen klatscht vor Begeisterung auf die Schenkel und sich warm.
Dann hat auch Nils genug ins verspätet eintreffende Publikum geholzt. Direkt von der Bühne klärt er die Mälzer-Maniacs über eine schmerzhafte Verletzung des Helden der Herdplatten auf: Tim habe sich einen Zeh gebrochen und daher sollten ihn alle lautstark bedauern, falls er übers Geläuf humpele. Die Probe klappt: Beflissen und brav barmen all seine Bewunderer auf Nils‘ Handzeichen: „Aua, aua…“

Höllen-Sauce
Das spärliche Licht erlischt. Dezibelstark kündigt sich das Kommen des Gourmet-Großmeisters an. Da! Ein Lichtstrahl reißt eine springende, hüpfende, weiße Kugel aus dem Dunkel der Katakomben. Nach kurzer Irritation tobt die Meute: Der tourende Küchen-Bulle hat sich in einen Spezialanzug gezwängt, der aus dem Hungerhaken einen wohlbeleibten Koch-Klops hat werden lassen.

Mälzer saust wie eine Riesen-Reiskugel durch die Reihen. Dann, ein Schrei des Entsetzens: Mälzer verheddert sich im Kabel, geht zu Boden. Kollektive Glückseligkeit, als der Springinsfeld – wie’s scheint, völlig unversehrt – weitereilt.

Er springt auf die Bühne, kaspert kreuz und quer drüber weg, grüßt huldvoll, reißt sich die falsche Fettleibigkeit vom Körper. It’s partytime! Obwohl es eigentlich ums Kochen geht, geht’s weniger ums Kochen, mehr um Mälzer.

Seine Show lebt davon, dass er stetig Hilfskräfte aus dem Publikum rekrutiert. Den Aufstieg der Geschmacks-Gladiatoren begleitet dann Queens „We are the Champions“. Selbst Klatsch-Grobmotoriker haben beim dritten Versuch den Rhythmus drauf; das steigert hörbar das gemeinsame Vergnügen, jene Suppe auszulöffeln, die man sich mit und wegen Mälzer eingebrockt hat.

Der kokette Küchenkobold lässt sein Kampfgewicht vom Publikum schätzen. Einer brüllt „96 Kilo“. Dafür muss er auf die Bühne, kriegt zwei Kästen Bier verpasst und den Auftrag, das Sponsoren-Getränk Dürstenden zur Labsal zu reichen.

Der erste Mälzer-Mampf des Tour-Abends ist Currywurst mit toskanischen Fritten. Keine Ausnahme – nicht mal im Bratwurstland. Doch wen stört’s? Da das Publikum auch gebildet werden will, streut Mälzer kurze Kochschul-Kurse ein. So erfahren Wissbegierige, welche Reihenfolge der Zutaten Voraussetzung für ein dolles Dressing ist. Viele hatten sich zwar schon in der Halle mit diversen Devotionalien versorgt, zu denen auch manch‘ Kochbüchlein gehörte. Aber aus dem Munde des Magiers selbst ist’s doch viel authentischer.

Während Mälzers Kochlöffelknecht die Currysauce zusammenbraut, wirft sich der Maestro wieder in den Nahkampf mit den Jüngern, genauer: mit den Jüngerinnen. „Mal schauen, wie scharf es hier in Erfurt geht“, säuselt er süffisant ins Mikro. Zeitgleich linst lüstern die allgegenwärtige Kamera in ein gewagtes Dekolleté – bei diesen Einblicken im XXL-Format johlt das Publikum. Nicht nur das männliche.
Mälzer ist eben „agent provocateur“. Jüngst entgleisten seinen Sterne-Koch-Kontrahenten sämtliche Gesichtszüge, als er Kartoffelpüree aus der Tüte anpries und flugs anrichtete. Dafür liebt ihn das Publikum. Und die Kollegen. Denn nicht wenigen gehen Schickimicki-Schaumlöffelschwinger gewaltig auf die Kochplatte, die tolle Küche mit teurer verwechseln.

Mälzer braucht Frischfleisch: „Wer verträgt’s richtig scharf?“ Einer namens Rene Lehnert ist am lautesten und entert den Mälzer-Olymp: Koch ist er und zelebriert mit Spezial-Chili Teufelsaustreibung im Selbstversuch: 300 000 Schärfeeinheiten hat das Zeugs, ist 60 mal heftiger als Tabasco. Mälzer feixt, Rene kostet und findet’s lecker. Tims Test endet mit hochrotem Kopf, aus seinem verbrannten Munde entfleucht ein ehrlich gemeintes: „Man, du bist doch krank . . .“

Während Rene seine Riesenportion toskanischer Kartoffeln an diabolisch bösartig scharfen Curry verdrückt, ist der nächste Delinquent ausgemacht. In der ersten Reihe sitzen Freunde, allesamt mit schwarzem T-Shirt bekleidet, auf dem „Gegrilltes Ottchen“ steht. Einer von ihnen wird auf die Bühne kommandiert, neuerlich dröhnt Queen durch die Messe.

Kurzer Dialog: „Heißt Du Ottchen?“ – „Kannste nicht lesen?“ Mälzer macht auf der Hacke kehrt, wieselt zum Mega-Kühlschrank und holt die nächsten zwei Kästen Bier. Ottchen wuchtet diese Richtung Tribüne. Die Girls dort, junge wie die reiferen, sind kurz vorm Ausflippen …

Rene hat seine Höllen-Sauce in sich geschaufelt, blitzeblank sein Gedeck. Damit ist er für die weitere Mälzer-Andacht nicht mehr von Nutzen: „Hier oben bin ich der Koch …“, komplimentiert der Topf-Tyrann den Tapferen vom Terrain. The show must go on.

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