Die letzte rote Socke oder Ein Sonnenfänger wird 86

Er hat so gar nichts von Hans Wurst oder dem Dummen August. Er ist auch kein hampeliger Harlekin. Er ist wie Iwanuschka aus den popart-bunten Mosfilm-Märchen: ein wenig schüchtern, aber bauernschlau. Gutherzig und am Ende immer der „Hans im Glück“. So ist Oleg Popow. Am 31. Juli feiert er seinen 86. Geburtstag. In der Manege, irgendwo auf dieser Welt. Wo sonst? Und er wird das tun, was er seit 60 Jahren macht: Menschen glücklich.

Es sind Erinnerungen: Über den kleinen Bildschirm des „Stassfurt“ flimmerte schwarz-weiß ein Mann. Merkwürdig anzuschauen mit seiner enormen Sportmütze, der Knollennase, der zu kurzen Hose, dafür aber zu großen Schuhen und dem karierten Sakko. Die Farben musste man sich hinzudenken. Er machte es sich gemütlich, mitten in der Zirkusmanege, inmitten eines lichtüberfluteten Fleckchens. Doch die Scheinwerfer-Sonne zieht weiter. Der Mann hinterher. Irgendwann schafft er es mit Streicheln und Gut-Zureden, das Licht in seine Tasche zu schaufeln. Der Clown strahlte vor Glück, das Publikum applaudiert und er verschwindet hinterm Vorhang.

Hinterher, unten auf dem Hof, versuchte ich auch, einen Sonnenstrahl zu fangen. Aber mir mangelte es wohl am Geschick oder den passenden Beschwörungsformeln … Der Sonnenfänger war kein anderer als Oleg Popow. Das erfuhr ich aber erst viel später.

Nahe Moskau, in Witrubowo, wird er 1930 als Sohn eines Uhrmachers geboren. Die Eltern geben Klein-Oleg nach Moskau zur Großmutter, wo er aufwächst: „Sie gab mir die Güte und die Kraft, die Menschen zu lieben.“

Selbst dann noch, als sein Vater 1937 plötzlich verschwindet. Die Uhrenfabrik, in der er arbeitet, hatte dem großen Stalin zum Geburtstage einen Zeitmesser gebaut. Als der aber seinen Dienst versagte, schlug die letzte Stunde für Olegs Vater. Was genau ihm widerfuhr, weiss man bis heute nicht. Auch Popow schweigt dazu.

Er erzählt lieber, dass er zunächst Schlosser lernte. Doch in der benachbarten Artistenschule habe es mehr zu essen gegeben. Die Zeiten waren hart und Hunger schlimm; also entschied Oleg mit dem Bauch und wechselte das Fach. Fortan lernte er jonglieren und balancieren.

Was für ein Drahtseil-Akt ein Drahtseil-Akt sein kann, darüber weiß Popow auch eine formidable Geschichte zu erzählen. Popow hatte sich für den Abschluss seiner Zirkusausbildung mit einem Regisseur eine Nummer auf dem Schlappseil ausgedacht. Die war im Grunde nicht komisch. Vielmehr wollte der Artist einen eleganten Spaziergang über unsicherem Grund präsentieren. Doch bei ersten Abnahmen zog er sich den Zorn der Prüfer zu. „Westlich, kosmopolitisch“ sei die Nummer – damals der schlimmste Vorwurf. So schlimm fast wie Vaterlandsverrat. Dem Absolventen wurde vorbeugend ein neuer Regisseur zur Seite gestellt, „ein Schwächling, ein Dummkopf“, wie sich Popow erinnert.

Von der alten Nummer blieb nur der Balance-Akt auf dem Seil. Dazu dröhnte jetzt aus dem Radio patriotische Morgengymnastik. Popow fügte sich und damit seinen Diplom-Ambitionen keinen weiteren Schaden zu.

„Moskau ist weit…“
Fertig mit der Schule, führte ihn sein erstes Engagement weit in den Süden, nach Georgien. Sein erster Impressario fand die Diplom-Balance schrecklich, wollte etwas anderes. Also führte ihm Popow die ursprüngliche Nummer vor, die ihn begeisterte. Der junge Oleg warnte vor deren subversiven Charakter: „Ach was! Moskau ist weit..“ beschied ihm der Zirkusdirektor. Schon ab der zweiten Vorstellung wandelte Popow also auf dem Grat des Erlaubten.

Übrigens: Als nach der ersten Vorstellung dieser Darbietung das Publikum tobte, setzte es statt Dank eine heftige Ohrfeige vom Impressario: „…weil du mir das nicht gleich gezeigt hast…“, seien seine Worte gewesen, so die Erinnerung des großen Popow an die kleine Begebenheit von damals. So also ist das, wenn ein Drahtseil–Akt zum selben wird.

1955 bekam er sein erstes Engagement am Moskauer Staatszirkus, wurde sozusagen Chef-Clown der Sowjetunion. Er kam zu höchsten Ehren. Wurde Volkskünstler der UdSSR. Man heftete ihm den Rotbannerorden und den Leninorden an die Brust und beim Zirkusfestival in Monte Carlo holte sich Popow einen „Goldenen Clown“, den Oscar des Zirkus. Mit dem Staatszirkus gastierte er weltweit. In Moskau garantierten zwei feste Häuser des Unternehmens mit allen technischen Einrichtungen beste Arbeitsbedingungen und ausverkaufte Vorstellungen. Wer Oleg Popow im „alten“ Zirkus am Gartenring erleben wollte, brauchte Beziehungen.

Seit 1955 hält Popow dem „Großen sowjetischen Staatszirkus“ die Treue. Heute steht in der Mitte des Namens zwar „russischer“, Popow aber immer noch in der Mitte der Manege. Er war, er ist der Star.

So ging es für ihn schon in jungen Jahren in die weite Welt hinaus. „Fragen Sie mich nicht, wo ich schon war. Fragen Sie lieber, wo ich noch nicht war“, beschied er deshalb einem Fernseh-Journalisten, der einen Film über den großen alten Mann des Zirkus’ drehte. „Indien, China und die Antarktis“, lautete die ungefragte Antwort.

Popow verschwieg damals – wie er es heute immer noch beharrlich tut -, dass er seit mehr als 20 Jahren nicht mehr in seiner Heimat war. Als die Sowjetunion zusammenbrach, erschütterte das auch die glitzernde Welt der Stars in der Manege bis in die Grundfesten. Sie war wie ein Staat im Staate. Man hatte feste Häuser, riesige Ensemble, zahlreiche Artistenschule. Die Moskauer, an der Popow dereinst lernte, besitzt immer noch – heute wohl wieder – internationale Strahlkraft. Zirkus hatte, hat in Russland Tradition. Lang’ schon, bevor Ideologen sich seiner bemächtigten. Und auch danach …

Der russische Schriftsteller Wladimir Kaminer, der in Berlin lebt, erinnerte sich vor einiger Zeit an Popow. Er sei für das Kindergarten-Erziehungsprogramm in der Sowjetunion unentbehrlich gewesen. Zu jedem Fest hätten die Kinder lustige Kostüme anziehen müssen. Die Mädchen traten als Prinzessinnen oder als Aschenputtel auf. Für die Jungs standen drei Kostüme zur Auswahl: Pinguin, Zauberer und Oleg Popow. „Den Pinguin mochte keiner, weil dieses Kostüm unmännlich aussah, mit Flügel und Schnabel – einfach blöd. In dem Kostüm des Zauberers war es sehr problematisch aufs Klo zu gehen: es war aus einem Stück genäht. ,Oleg Popow’ schien uns damals die beste Lösung zu sein. Es bestand nur aus einer schwarz-weiß karierten Mütze und einer Fliege. Doch die Popow-Utensilien reichten bei weitem nicht für alle. Jedesmal entbrannte deswegen eine regelrechte Schlacht zwischen den Kindern. Nur die stärksten schafften es, wahre Clowns zu werden. Sie konnten sich dann sogar erlauben, die Prinzessinnen an den Zöpfchen zu ziehen. Wenn man sich außerhalb der Feiertage allerdings solche Späße erlaubte, dann schimpften die Erzieherinnen: ,Mach mir jetzt keinen Oleg Popow!’“

Die russische Seele
Popow ohne Kostüm ist ein bisschen wie Moskau ohne Kreml. Wären da nicht die Augen. Seine Augen. Gütige, große, sanfte, strahlende Augen. „Sie sind das Fenster zur Seele.“ Würde ein anderer als Popow so etwas sagen, klänge es wie klassischer Courts-Mahler-Kitsch. So aber … „Die Augen sagen alles über einen Menschen. Egal, welche Verkleidung er an hat. Egal, wie viel Mühe er sich gibt, seinen wahren Charakter zu verbergen.“

Popow tut das ganze Gegenteil. Er kehrt sein Innerstes nach außen: „Der wahre Humor ist immer in Moll“, sagt er. So sind seine Stücke: Geschichten ohne Worte mit einer schlichten Moral: Liebe und Herzensgüte lässt das Gute siegen. So schön kann das Leben sein, zumindest im Zirkus.

Wie die Geschichte mit dem Sonnenstrahl. Eigentlich, so erzählt Popow, stamme die Idee ja von seinem Lehrmeister, dem großen Clown Karandasch (russ.: Bleistift), Michail Nikolajewitsch Rumjanzew.
Der hatte eine ähnliche Nummer im Programm, als Oleg bei ihm assistierte. Als Popow dann alleine arbeitete, wollte er sie besser machen.

Heute ist sie sein Markenzeichen. Popow hat seit einem Gastspiel in London 1968 deshalb auch den Beinamen „der Sonnenclown“. Typisch Londoner Tage sollen es damals gewesen sein; nebelig und grau. Nachdem aber der kleine Russe seine noch kleinere Sonne gefangen und sie mit aus der Manege genommen hatte, habe plötzlich hellstes Sonnenlicht alles überflutet. Tags darauf schrieben alle Zeitungen über den wunderbaren russischen Clown, der nicht nur die Gemüter der Londoner erhellt habe…

Sie sei rein, poetisch, voller philosophischer Anspielungen. Eine Offenbarung. Kritiker haben sich zu allen Zeiten förmlich vor Begeisterung überschlagen, ging es um diese kleine, anrührende Lichthascherei. Und tatsächlich: Mit klassischen Hans-Wurstiaden hat das nichts zu tun. Wie alles, was Popow macht. Da spritzt kein Wasser aus Blumen am Revers. Fliegen keine Torten. Nichts Lautes, nichts Grelles, nichts zum Auf-die-Schenkel-klopfen. Er ist er der letzte berühmte Clown, mit dessen Namen sich ein Gesicht, eine Figur verbindet wie das „Akrobat schöööön“ mit Charlie Rivel. Der wie Popow waren glühende Verehrer von Charlie Chaplin.

Popow ist anders, anders spektakulär. Vielleicht, nein: sicher sogar kann nur ein Russe so sein. Die russische Seele eben. Ach ja.

Tourt er nicht mit dem Zirkus, lebt er heute im Fränkischen, bei Nürnberg. In einem Örtchen namens Egloffstein, in der Straße „Am Schelm“. Wo sonst?

Der Straßenname hat aber nichts mit dem prominenten Dorfbewohner zu tun. Die Einheimischen wissen um den berühmten Zugereisten, haben  aber kaum Kontakt zu ihm. Besser: Er zu ihnen. Denn außer „Grüß Gott!“ und ein paar anderen Floskeln hat Popow nie die Sprache seines Gastlandes erlernt. Auch zu Hause wird russisch gesprochen, obwohl seine um 30 Jahre jüngere Frau Deutsche ist.

Die beiden kamen zueinander, so wie im schönsten Hollywood-Streifen: 1989 wollte Gabrielle Lehmann Oleg unbedingt in Aschaffenburg sehen. Doch es gab keine Karten mehr. Gabi ließ aber nicht locker, kam bis zu Popow. Der verschaffte seiner charmanten Verehrerin nicht nur ein Autogramm, sondern besorgte auch einen Extra-Platz in der Manege. So nahm alles seinen Lauf; sie fing beim Zirkus an zu arbeiten. Lernte russisch. 1992 heirateten sie in Holland, wo der Zirkus gerade gastierte.

Er und Gabi treten – wenn auch nicht mehr so häufig –  heute noch zusammen auf. Sie dressiert Tiere, steppt oder gibt die jonglierende Puppe.

Und wenn dann Oleg Popow die Manege betritt, ist alles wieder so wie in der guten, alten Zeit: Die viel zu große Sportmütze, die strohgelbe Perücke. Und die roten Socken („Nie würde ich ohne sie auftreten!“ – da ist Oleg abergläubisch). Also tappst er, rotbesockt und schelmisch lächelnd, ins grelle Scheinwerferlicht. Staunt. Mit großen, gütigen Augen. Über sich, den Sonnenstrahl und die Menschen da oben auf den Rängen.

Bis der letzte Vorhang fällt.

Mit Oleg Popow haben am 31. Juli Geburtstag:
Geraldine Chaplin (geb. 1944, amerikanische Schauspielerin)
Louis de Funès (1914 – 1983, französischer Filmkomiker)

Foto: „Oleg Konstantinowitsch Popow ungeschminkt“, 27 March 2009, Hans Niepoetter; Wikimedia, CC-BY-SA-3.0

(ursprünglicher Txt erstmals veröffentlicht in „Freies Wort“, Suhl, am 30. Juli 2005)

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