Und das war doch das erste Mal…

3. Mai 1982. Montag. Mein erster Tag als Volontär der „Lausitzer Rundschau“. Kurz zuvor, am 29. April, hatte ich das „Ehrenkleid der NVA“ abgelegt.

Wobei „Ehrenkleid“ in jeder Hinsicht eher ein Witz war…

Auch die Uniform eines Gefreiten, der ich am Ende wieder sein durfte, war modisch wie materialtechnisch keine Offenbarung. Noch schärfer war die baumwollene Unterwäsche – von Dutzenden von Jungs zuvor „eingetragen“ -, die sexy war wie ein Kartoffelsack und sich ebenso auf der Haut anfühlte. Einziger Vorteil: Nie im Leben trug ich danach Feinripp.

Und als „Ehre“ hatte ich es auch nicht einen Tag empfunden, diese Uniform zu tragen. Eher verwunderte es mich bis auf den letzten Tag, dass mehrheitlich laut brüllende legasthenische Choleriker das Kommando hatten. Etliche von ihnen wollten mir „scheiss Intelektuellen“, der ich für sie wegen meines Abiturs war, beibringen, was gehauen und gestochen war. ich mimte auf militärischen Trottel, obwohl manchmal mein Ehrgeiz siegte und ich mit Cleverness so etliche Vergünstigungen wie Sonderurlaub etc. herausschlagen konnte. Dazu aber an anderer Stelle mehr.

Also: Ich fuhr morgens mit dem Bus der Linie 101 von Bernsdorf und kurz nach halb sieben nach Hoyerswerda. Gegen viertel acht rückte ich mit leicht erhöhtem Puls (wegen des zügigen Schritts beim Fußmarsch hin zur Redaktion, dabei eine F6 qualmend…) in der Redaktion ein. Außer mir war zunächst nur die Sekretärin da.

Die beiden Redakteure, Wolfgang Swat und „Chef“ Manfred Kraszon, hockten noch in der SED-Kreisleitung zum allmontäglichen „Gebetskreis“, wie Manfred diese Einweisung ins propagandistische Tag- und Wochenwerk später ironisch und verharmlosend nannte.

Die Sekretärin (deren Name mir entfallen ist – schlimm!) versorgte mich mit Kaffee und dem jüngsten Jahresband der LR: „Lies mal ein bissel was…“ Also las ich.

Keine Stunde später hatte ich keinen Bock mehr… Was Wunder angesichts der unermesslichen Berichte über dauerhafte erfolgreiche und klassenkämpferisch wertvolle Siege gegen den Imperialismus und seine friedensverachtenden westdeutschen Vasallen.

Nein. Ganz so war es nicht; auch, wenn solche Sätze sich sicherlich gut in den Erinnerungen latenter Widerstandskämpfer gegen die rote Flut machen würden. Aber erstens war ich damals ein Teil, ein überzeugtes zudem, des großen roten Ganzen. Und zum anderen hege ich auch deshalb keinen Zweifel, dass es meiner Grundeinstellungen zum Leben entspricht, an dieser Stelle nicht schön zu färben. Das passiert sicherlich auch. Und auch noch. Aber eben nicht hier und heute.

Um’s abzukürzen: Als die beiden – Kraszon und Swat – dann gereinigt aus der Kreisleitung anlandeten, gab es Mittag, eine durchaus wohlwollend-freundliche Begrüßung durch das „Kollektiv“, wie ich schrieb. Und den ersten journalistischen Auftrag: die Vorbereitungen auf das nahende „Pfingstreffen der FDJ“ galt es, in Würde wie in aller Ausführlichkeit darzustellen.

Ich fuhr deshalb mit dem Stadtbus ins WBK, ins Wohnungsbaukombinat, zur FDJ-Sekretärin namens Karola Keiner. Fesches Mädel; so im Blaumann. Den Zollstock in der Hosentasche und zwei sehr überzeugende Argumente vor sich her tragend, wollte sie dem Milchbubi vom „Lügenrudi“, wie die LR allgemein hieß, schnell abservieren. „Hab da mal was aufgeschrieben…“

Ich war aber anderer Meinung. Nicht aus berufsethischen Gründe, sondern vor allem deshalb, weil es mir ein angenehmer Zeitvertreib erschien, den überzeugenden Argumente auf den Grund zu gehen.

Keine Frage: Damals schon war meine ausgeprägte Neigung zur holden Weiblichkeit ausgeprägt. Nur fehlte es mir an der psychologischen Raffinesse, die ich erst deutlich später entwickelte, meine optische Belanglosigkeit zu übertünchen und zu kompensieren.

Doch eines – eine wichtige Lektion! – lernte ich bei Karola: Männer (und sogar Milchbubis), die Frauen amüsant zu unterhalten wissen und die sie zum Lachen bringen, haben nahezu alle Freiheiten dieser Welt.

(mehr später…)

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